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Eine Einführung für Eilige, 1. Teil

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Die großstädtische (Mietshaus-)Bauweise in Berlin und 40
Jahre Baupolitik der DDR sind nur zwei - allerdings
folgenreiche - Ursachen für den Rückstand des Lehmbaus
in Berlin/Brandenburg gegenüber Regionen wie
Südwestdeutschland oder Westfalen. Dort riß die
Lehmbautradition selbst in den Wiederaufbaujahren
nach dem Zweiten Weltkrieg nie völlig ab, und heute
schauen wir mit Neid auf diese lebendigste und
leistungsfähigste Lehmbauszene Deutschlands. Dort
bauen nicht nur private Bauherren ihre modernen
Lehmhäuser, Niedrig- oder Plusenergiehäuser, sondern
in für uns ungewohnter Weise engagieren sich
Kirchengemeinden, Kommunen und Wohnungsbaugesellschaften
für das ökologische Bauen.

Vorteilhaft an der Lage des Lehmbaus in der Region
Berlin/Brandenburg ist allerdings, daß hier von
den Erfahrungen anderer Regionen und Länder gelernt
werden kann. Wenn wir es richtig anstellen, schöpfen
wir dabei aus dem Vollen. Uns bleibt aber auch dabei
Aufgabe genug, das Lehmbau-Know-how auf unsere Region
zu übertragen, die ihre eigene und keinesfalls
uninteressante Lehmbaugeschichte hat.

Ist von modernem Lehmbau oder von neuem Bauen mit Lehm
die Rede, so wird weniger an die Pflege überkommener
Baudenkmäler gedacht als an ein zeitgemäßes Verfahren
für Bauaufgaben verschiedenster Art. Heute soll ein
modernes Bauwerk alle Anforderungen erfüllen, die sich
aus dem Stand der Technik, unserem Wissen und aus
unseren Wünschen nach behaglicher und gesunder Behausung
für Wohnen und Arbeiten ergeben.

Gemessen an diesen Kriterien schneidet der uralte Baustoff
Lehm erstaunlicherweise mehrfach sehr gut ab. Und dies
nicht nur wegen seiner hervorragenden "Ökobilanz". Lehm
erfüllt in fast idealer Weise die Forderungen nach einem
schonenden Umgang mit der Natur und nach Energieeinsparung,
und er ist ein Baustoff, der wie kaum ein anderer dem Menschen
entgegenkommt.

Natürlich spielen beim Bauen für Wohnen und Arbeiten
immer auch individuelle Vorlieben eine große Rolle.
Daher wird jeder, der über ein Haus oder einen Raum spricht,
seine subjektiven Empfindungen einfließen lassen. Aber es
gibt auch objektive Befunde über die Zulänglichkeit oder
Unzulänglichkeit von Bauwerken, über ihre Verträglichkeit
für den Menschen. Wir wissen, wie Räume ohne Fenster auf
Menschen wirken, ebenso kennen wir die krankmachende oder
allergene Wirkung von Farb- und Holzschutzlösemitteln,
das "Barackenklima" falsch konstruierter Holzhäuser, den
karzinogenen Effekt des Asbests usw.

Meßbar sind beim Lehm z.B. seine feinstoffliche Wirkung,
seine Fähigkeiten, Schadstoffe in der Raumluft zu binden
und für eine gleichmäßige, angenehme Luftfeuchtigkeit zu
sorgen. Das kann jeder spüren, der in einem Lehmhaus
übernachtet und die angenehme Atmosphäre dort wahrnimmt.
Ich empfinde sie als seidig und habe das Gefühl, sie genügt
meinen persönlichen Ansprüchen auf ganz besondere Weise.
Natürlich bin ich nicht unbeeinflußt davon, daß die
attraktiven Eigenschaften des Baustoffs Lehm - im
vorliegenden Buch werden sie im einzelnen belegt - sich
mit Gewissensgründen verbinden lassen, mit Ressourcenschonung
und Recycling.

Vielen Anwendern des Baustoffs Lehm reichen die ganz
persönlichen Erfahrungen mit diesem Material, etwa mit
einem lehmausgefachten Fachwerkhaus, aus, um wie Liebende
vom Lehm zu schwärmen. Um die Frage zu beantworten, ob
Lehm ein moderner Baustoff mit Perspektive für unsere
Region ist, genügt das aber nicht. Dazu sind Aussagen
nötig über Kosten, Reparaturanfälligkeit, Wärmedämmung,
Speicherfähigkeit, Trockenbaumöglichkeit, Maschineneinsatz,
Genehmigungsfähigkeit, jahreszeitunabhängige Verbaubarkeit
u.a. Bemerkenswert ist aber, daß viele Bauherren sich für Lehm
entschieden haben, obwohl dieser Baustoff in einigen dieser
Punkte zu Kompromissen zwingt. Sie folgten offenbar ihrem
Herzen - wie es bei wirklich wichtigen Dingen immer
geschieht!

Wahrscheinlich werden Menschen belächelt, die die
Geheimnisse der Lehmerde preisen oder gar ihre Duschkabine
aus Lehm bauen. Möglicherweise wird mißverstanden, wer
seine Vorliebe für Lehm hinter alltagssprachlichen und
technisch-rationalen Argumenten verbirgt. Doch ist dieses
Auf und Ab der Gefühle einmal durchlebt und wird man
klarsichtiger, weil man alte und moderne Lehmgebäude gesehen,
sich in ihnen aufgehalten hat, weil man Fachliteratur gelesen
und anerkannte Experten gehört, ihre Häuser bewundert hat.
Und man kann dann beginnen, selbst Häuser mit Lehm zu bauen
und über Erfahrungen mit dem Lehmbau zu sprechen.

Das deutsche Wort Lehm bedeutet Leim, und weil Lehm
dauerhaft klebt, zudem überall vorkommt und leicht zu
gewinnen ist, wurde er von den Menschen sehr früh als
Baustoff verwendet. Wie jedes Baumaterial hat Lehm Vor-
und Nachteile. Zum Beispiel ergibt sich aus seiner
bequemen Verarbeitbarkeit mit Wasser folgerichtig sein
größter Nachteil und Vorteil: Lehm ist sehr feuchteempfindlich
und muß gut geschützt werden. Geschieht das nicht, zeigt
er sich von seiner schlechtesten Seite, seiner
Wasserlöslichkeit. Sie hat den Vorteil, daß der gelöste
Baustoff "spurlos" wieder in die Natur eingehen kann, ohne
sie zu belasten, oder neu aufbereitet ein weiteres Mal als
vollwertiger Baustoff verarbeitbar ist - problemlos.
Fazit: Wie bei jedem Baustoff können gute Ergebnisse nur
dann erzielt werden, wenn die Materialeigenschaften bekannt
sind und genutzt werden.

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Nachteile

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Beginnen wir bei unserer kurzen Betrachtung des Baustoffs
Lehm mit seinen Nachteilen. Allgemein werden genannt:

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das Schwinden,
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das Quellen,
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die Individualität,
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die Feuchteempfindlichkeit und
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die Frostempfindlichkeit feuchten Lehms.
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Das Schwinden oder Sacken des Lehms ergibt sich aus seiner
Eigenschaft, beim Trocknen das Volumen zu verringern. Es
ist abhängig vom Tonmineral, vom Ton- und Wassergehalt des
Lehms und beträgt 3-7 %. Durch geringe Zugaben von
nichtwässrigen Verflüssigungsmitteln wie Soda oder
eiweißhaltigen Flüssigkeiten (z.B. Urin oder Blut)
kann das Schwinden deutlich reduziert werden. Putze
dürfen auf Lehm erst nach dem Austrocknen aufgebracht
werden. Bei Leichtlehmen bestimmt der Zuschlagstoff das
Schwinden oder Sacken; Strohleichtlehm sackt stark,
Holzleichtlehm schwach, Mineralleichtlehm (mit Blähton,
Bims oder anderen Zuschlägen) so gut wie gar nicht.

Das Quellen ist eine Folge der Tatsache, daß Lehm sich der
Umgebungsfeuchtigkeit hervorragend anpaßt und in
Feuchteperioden Wasser aufnimmt; der Lehm "arbeitet".
Obwohl die Veränderungen des Volumens beim Quellen gering
sind, muß darauf geachtet werden, daß verbundene Baustoffe
(wie z.B. Kalkputze) weich genug sind, um das Arbeiten
mitmachen zu können. Daher sollten Kombinationen mit
starreren Baustoffen (z.B. eine Fensterlaibung aus
gebrannten Mauersteinen) vermieden werden. Aus diesem
Grund wurden schon früher Verbundmauern außen aus
gebrannten Ziegeln, innen aus Lehmsteinen mit sehr
weichem Kalk- oder mit Lehmmörtel gemauert.

Die Individualität des Lehms folgt aus seinem natürlichen
Vorkommen. Lehm ist weltweit verbreitet, hat aber an jedem
Fundort eine andere Zusammensetzung. Obwohl es einfache
Versuche zur Feststellung der für Baulehm nötigen
Klebekraft gibt, paßt die Individualität des Lehms ganz
und gar nicht zu unseren Erwartungen an einen Baustoff:
Er soll immer und überall die gleichen Eigenschaften haben,
standardisiert, genormt sein, damit eine verläßliche und
einfache Anwendung möglich ist. Für den jeweils
individuellen Lehm eignen sich die üblichen Baumaschinen
nicht zur Verarbeitung, und die langen, noch dazu lehm-
und wetterabhängigen Trockenzeiten beim Naßeinbau
widersprechen unseren heutigen Erwartungen an Bauzeiten
und Bauabläufe, auch dem allgemeinen Trend zum schnellen
Trockenbau.

Die Lehmbauer haben auf die Schwierigkeiten, die sich aus
der "Persönlichkeit" des Lehms ergeben, reagiert. Der
Baustoffhandel bietet immer mehr Vor- und Fertigprodukte
wie Strohleichtlehmsteine, Lehmplatten und Trockenputze
an oder außerhalb der Baustelle vorproduzierte Baustoffe.

Von der Feuchteempfindlichkeit des Lehms war bereits die
Rede. Länger andauernde Feuchtigkeit vermindert seine
Festigkeit und führt zur Verwitterung. Folglich müssen
Lehmbauteile gegen aufsteigende Feuchtigkeit und Regen
geschützt werden: durch große Dachüberstände, sorgfältig
ausgeführte Horizontalsperren, Außenputz (Kalkmörtel)
oder Holzfassaden.

Natürlich folgt aus der Feuchteempfindlichkeit die
Frostempfindlichkeit des feuchten Lehms. Gefrierendes
Wasser im feuchtem Lehm führt zu Frostabsprengungen.
Deshalb kann in unseren Breiten bei allen Naßlehmverfahren
wegen der notwendigen Trockenzeiten nur zwischen April
und Ende September gebaut werden. Bei Strohleichtlehm,
der wetterbedingt nicht schnell genug trocknen kann,
besteht die Gefahr der Schimmelbildung, und
schlimmstenfalls kompostiert das Stroh sogar, womit der
Strohleichtlehm seine Eigenschaften als Baustoff verliert.

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Vorteile

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Welche Vorteile stehen all dem gegenüber? Zuallererst die
Tatsache, daß Lehm wie kaum ein zweiter Baustoff die
Anforderungen ökologischen Bauens und der Baubiologie
erfüllt. Lehm

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ist örtlich verfügbar,
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schont Ressourcen,
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spart Energie,
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ist beliebig wiederverwendbar,
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angenehm zu verarbeiten,
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ist hoch dauerhaft,
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schützt Holz,
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wirkt wärmedämmend,
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gibt keine Schadstoffe ab,
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verbessert Raumluft und Raumklima, denn er
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reguliert die Luftfeuchtigkeit,
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bietet guten Schallschutz und
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weist angenehme Oberflächentemperaturen auf.
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Ein großes ökologisches Plus des Baustoffs Lehms ist seine
fast weltweit lokale Verfügbarkeit und die damit verbundene
Schonung natürlicher Ressourcen. Da Lehm i.d.R. unweit der
Baustelle oder sogar als Baustellenaushub gewonnen wird,
ist der Energieverbrauch für Verarbeitung und Transport
äußerst gering. Gebrannte Ziegel oder Beton benötigen
das 10-20fache an Energie. Auch bei der Verarbeitung
von Lehm wird Energie nur für den Maschineneinsatz und
evtl. bei der Vorfertigung zur Trocknung verbraucht.

Baulehm ist auch nach der Nutzung, sogar nach dem Abriß
jederzeit und völlig problemlos als Baumaterial beliebig
wiederverwendbar. Grenzen der Wiederverwendbarkeit ergeben
sich nur dann, wenn dem Lehm nichtlösliche Zuschläge
beigemengt wurden, weshalb dieses Thema von Lehmbauern
viel, gerne und engagiert diskutiert wird.

Lehm ist angenehm zu verarbeiten. Im Gegensatz zu Kalk und
Zement greift er die Haut nicht an. Sogar die
Staubbelastung ist bei feuchter Verarbeitung unerheblich.
Bei fachgerechter Anleitung erlaubt das Bauen mit Lehm ein
hohes Maß an Eigenleistung und z.B. nachbarlicher
Hilfe.

Fast legendär ist die Dauerhaftigkeit von Lehmbauwerken,
jedenfalls in den Augen der Technikgläubigen. Moderne
Stahl-, Beton- und Glaskonstruktionen verlangen einen hohen
Erhaltungs-, Nach- und Ausbesserungsaufwand, Lehmbauten
dagegen überdauern bei richtiger Verarbeitung, Anwendung
und Pflege Jahrhunderte. Zudem altert Lehm bei guter
Pflege "in Würde", wie es einige Autoren ausdrücken, und
zeigt im Gegensatz zu vielen modernen Baustoffen keine
Festigkeits- und Qualitätsverluste.

Lehm wirkt als Holzschutz, er hält Holz, das er umschließt,
trocken und schützt es zudem vor Insektenbefall, was auf
seine geringere Gleichgewichtsfeuchte gegenüber Holz
zurückzuführen ist. Ein Effekt für die Wärmedämmung ergibt
sich bei einem beträchtlichen Zusatz natürlicher Baustoffe
wie Stroh, Bims oder Holzschnitzel. Mit einer Wanddicke von
etwa 40 cm kann so den Anforderungen der
Wärmeschutzverordnung entsprochen werden, ohne daß die
Vorteile eines homogenen Wandaufbaus verlorengehen.
Blähton ist als Zuschlagstoff allerdings wegen des hohen
Energieeinsatzes bei seiner Herstellung umstritten.

Wenn heute - im Zeitalter schadstoffhaltiger, allergener
Baustoffe, Möbel und Textilien - von den Vorteilen des
Baustoffs Lehm die Rede ist, steht sein Einfluß auf
Raumluft und Raumklima auf jeder Bewertungsliste obenan.
Hier spielen mehrere seiner Eigenschaften zusammen: Lehm
ist ein fabelhafter Schallschlucker, er speichert Wärme,
strahlt sie aus, nimmt ausgezeichnet Wasserdampf auf und
gibt ihn wieder ab, so daß sich eine relative
Raumluftfeuchtigkeit im Idealbereich von 45-55 % ergibt
und damit, alles in allem, ein angenehmes Raumklima.

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