THINK EUROPEAN, ACT LOCAL: BAUE MIT LEHM

"Global denken - lokal handeln" ist eine vielzitierte Redewendung, die geradezu auffordert, das Bauen mit Lehm im länderübergreifenden Zusammenhang zu betrachten. Die neunziger Jahre stehen seit dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992, unter einem neuen Leitbild, dessen Geschichte in das letzte Jahrhundert zurückgeht. Es waren Forstleute, die zuerst von "Nachhaltigkeit" sprachen, und damit verbanden sie die ökonomische Forderung, nicht mehr Holz zu schlagen, als unter natürlichen Bedingungen nachwächst.

Damit war in exakter Weise beschrieben, was wir heute als "schonenden Umgang mit Ressourcen" bezeichnen. Über ein Jahrhundert vor Erscheinen des Club of Rome-Berichts "Die Grenzen des Wachstums" hatte ein Wirtschaftszweig - die Forstwirtschaft - das Denken und Handeln in Kreisläufen begonnen. Während sich die europäischen Länder daran machten, ihre Industrie in einer bis dahin beispiellosen Ausnutzung globaler Ressourcen zu scheinbar grenzenlosem Wachstum aufzurüsten, wandelte sich auch die Baukultur in Europa in rasantem Tempo. Wurde vorher niedrigentropisch gebaut, d.h. mit nur geringem Verbrauch natürlicher Ressourcen und mit wenig Emissionen, so vollzog sich jetzt der Umstieg zu einer hochentropischen Bauweise.1

Der traditionelle Bauprozeß basierte auf der Voraussetzung, Material und Energie so sparsam wie möglich einzusetzen, während die menschliche Arbeitskraft in ausreichendem Maße zur Verfügung stand. Seit der Industrialisierung steht Energie aus fossilen Reserven, zunächst Kohle, später Erdöl, scheinbar unerschöpflich zur Verfügung, so daß sich die Produktionsbedingungen für Baustoffe grundlegend wandelten. Das Brennen von Lehmsteinen zu Ziegeln mit preiswerter Energie erlaubte eine jahreszeitlich unabhängige Produktion von stets verfügbaren Materialien, die Erfindung des Stahlbetons ermöglichte völlig neue Tragwerkkonstruktionen. Der Einsatz von Stahl und Stahlbeton im Baubereich verdrängte das Holz aus seiner beherrschenden Stellung.

Dennoch blieb niedrigentropisches Bauen bis heute weltweit die verbreitetste Bauart. In wärmeren Gegenden sind Lehmbauten die Regel und nicht die Ausnahme. In nordischen Regionen ist der Baustoff Holz unübertroffen, um der Kälte zu trotzen. Nur in den Industrieländern wird seit knapp hundert Jahren hochentropisch gebaut.2 Was war die Ursache für diesen Wandel in den industrialisierten Ländern, der zu einem schnellen Verschwinden der nachhaltigen Wirtschaft und Baukultur führte?

Die neu gegründeten Bergwerke, Fabriken und Industrieanlagen hatten einen unstillbaren Bedarf an Arbeitskräften. Millionen von Menschen verließen ihren ländlichen Lebensraum und zogen in die entstehenden Ballungszentren, die ihnen Arbeit und Wohlstand versprachen. Neben den Fabrikanlagen mußten in kurzer Zeit Wohnungen in großem Umfang geschaffen werden. Die gewaltige Zahl an Gebäuden konnte nicht länger mit regionalen Baustoffen und traditionellen Techniken errichtet werden. Industrielle Bauprodukte, vorgefertigte Bauteile veränderten den Bauprozeß in kürzester Zeit, um dem gigantischen Bedarf gerecht zu werden. Vielgeschossige Gebäude in hoher Verdichtung führten zu neuen statischen Anforderungen. Die altbewährten Bautechniken schienen hierfür nicht ausreichend. Innerhalb weniger Generationen vollzog sich ein grundlegender Wandel der Baukultur, aber auch die Verlagerung menschlicher Lebensräume vom Land in die Städte.


Modernes Bauen, ein Sieg über die Natur?

Für das rapide städtische Wachstum waren in der unmittelbaren Umgebung nicht mehr genügend Baustoffe vorhanden. Rohstoffgewinnung und Baustoffproduktion verlagerten sich in weit entfernte Gebiete. Bis zum Beginn dieser Entwicklung gab es weltweit einen engen Zusammenhang zwischen lokalen Baustoffen und Bauweisen, ein denkbar hohes Maß an regionaler Anpassung. Die regionalen Baustoffe und das lokale Klima prägten die Bauweise. Deshalb begegnet uns noch heute innerhalb Europas eine unglaubliche Vielfalt regionaler Bautraditionen.

Zugleich waren die Menschen erfinderisch in der Nutzung vorhandener Materialien und paßten über Jahrhunderte in einem stetigen Prozeß die Bauweise den Erfordernissen und Bedürfnissen bestens an. An traditionellen Gebäuden lassen sich alle wesentlichen Merkmale einer Region ablesen: verwendete Baustoffe, Niederschläge, Wärme und Kälte.

Keiner der traditionellen Baustoffe hatte einen so hohen Verbreitungsgrad wie Lehm, und für keinen Baustoff entwickelten sich so viele unterschiedliche Bautechniken. Dennoch gibt es innerhalb Europas deutlich unterschiedliche Hauslandschaften. Im skandinavischen Raum, in den waldreichen Gebieten Osteuropas und im Alpengebiet wurde für den Hausbau vorrangig Holz verwendet. Die langgewachsenen Nadelhölzer eigneten sich ideal für den Block- oder Strickbau und bewirkten in diesen kälteren Klimazonen einen guten winterlichen Wärmeschutz. Die mediterranen Länder waren in vielen Regionen vom Bau mit Natursteinen geprägt. Lehm war vor allem in Mitteleuropa das vorherrschende Baumaterial, oft in Verbindung mit Laubholz.

Mit der Verdrängung naturnaher Baustoffe durch industriell hergestellte Materialien veränderten sich nicht nur Bautechnik und Baukonstruktion, es verband sich damit auch ein tiefgreifender Wertewandel. War die traditionelle Bauweise von hoher Anpassung an die natürlichen Bedingungen geprägt, so zeigte sich die industrielle Bautechnik als "naturüberwindend" und stand damit für ein verändertes Bewußtsein des Menschen von der Natur.

Die Moderne und ihr "Internationaler Stil" machte es möglich, die oft als Einschränkung empfundenen natürlichen Gegebenheiten weitgehend außer acht zu lassen. Es entstand eine globale Baukultur, die sich heute in allen Metropolen dieser Welt ähnelt. Dieselben Gebäudetypen, die in extrem kalten Zonen mit großem Aufwand an Technik und Ressourcen beheizt werden, bedürfen in heißen Klimazonen ebenso aufwendiger Kühlung. Wir finden heute eine weltumspannende Kultur ähnlicher Baustrukturen, die sich vollständig von lokalen und regionalen Bedingungen abgekoppelt hat. Dieser "Sieg über die Natur" wird als Fortschritt der Menschheit gefeiert und prägt bis heute das Verhältnis Mensch-Natur.


Renaissance des Lehmbaus?

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn heute dem Wiederaufleben des Lehmbaus deutliche Skepsis entgegenschlägt. Meist wird der Lehmbau als etwas Veraltetes angesehen, als eine Nische für Technikflüchtlinge, für nostalgische Sucher nach einer vergangenen heilen Welt. Da hilft es wenig, auf die unstrittigen ökologischen Vorteile hinzuweisen, und so diskutieren Lehmbauer überall zu Recht darüber, wie denn der Lehmbau aus dieser Nische herauszuführen sei. Die Diskussion ist noch längst nicht zugunsten des Lehmbaus entschieden. Der Beweis dafür, daß die Lehmbauweise in die Zukunft weist, ist noch nicht erbracht.

In der Tat entstand das moderne Bauen mit Lehm in einer Nische. Es waren ja die "Kulturpessimisten", "Verweigerer" und "Aussteiger", die - zunächst an der amerikanischen Westküste und im Südwesten der USA - ihre "hand-made-houses" aus Lehm errichteten. Auch in Europa waren es die "Selberbauer" und nicht die Bauindustrie, die den Lehm wiederentdeckten, alte Häuser instandsetzten und die alte Literatur auskramten. Zwar hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel bewegt, so daß der Lehmbau heute ein großes publizistisches Echo findet. Doch damit ist noch längst nicht entschieden, ob das Bauen mit Lehm eine durchgreifende Wirkung auf die globale Baustruktur ausüben wird.


Lehmbau - eine zeitgemäße Bauweise

Immerhin hat Lehm zumindest in einem wichtigen Bausektor mittlerweile eine hohe Akzeptanz gefunden, nämlich in der Denkmalpflege. So kommt es nicht von ungefähr, daß der größte Absatz von Lehmbaustoffen und der entscheidende Anteil am Umsatz der Lehmbaufirmen in diesem Bereich erwirtschaftet wird. Nachdem die Folgen der Sanierungssünden an der traditionellen Altbausubstanz allenthalben offen zutage getreten sind, setzte sich bei den Denkmalpflegern die Erkenntnis durch, daß in diesem Bereich die "alten" Baustoffe - Lehm, Holz, Naturstein - durch "moderne" Materialien nicht sinnvoll ersetzt werden können. Diese hohe Akzeptanz in der Denkmalpflege kann ein Sprungbrett zum Neubau darstellen - falls sich nicht die Auffassung verfestigt, nur hier seien die Materialien am richtigen Ort, nicht jedoch in der modernen Architektur.

Es ist deshalb nach wie vor eine große Ausnahme, wenn - wie jetzt in den Niederlanden beim Rathaus von Zutphen - 12.000 m2 Innenwände des gesamten Neubaus mit Lehm verputzt werden. Das geschieht in einer Region ohne Lehmbautradition.

Lehm wird dort als ein hochwertiges, zeitgemäßes Produkt betrachtet, und das ist sicherlich das große Verdienst von "lembouw nederlands" und Carl Giskes. Damit ist aufgezeigt, wie sich Lehm als zeitgemäße Bauweise durchsetzen kann: Das Bauen mit Lehm wird sich vom Althergebrachten lösen müssen, das ja nicht ohne Grund aufgegeben wurde. Es muß sich als ein im Besonderen zeitgemäßer Baustoff präsentieren, ohne deshalb seine Wurzeln zu verleugnen.

Was aber macht den Lehm zeitgemäß und - ein Modewort - zukunftsfähig? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir noch einmal zum Leitbild der Nachhaltigkeit zurückkehren. Die Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" hat in ihrem "Konzept Nachhaltigkeit"3 folgende Regeln für nachhaltiges Wirtschaften aufgestellt:

"(1) Die Abbaurate erneuerbarer Ressourcen soll deren Regenerationsrate nicht überschreiten ...

(2) Nicht-erneuerbare Ressourcen sollen nur in dem Umfang genutzt werden, in dem ein physisch und funktionell gleichwertiger Ersatz in Form erneuerbarer Ressourcen geschaffen wird.

(3) Stoffeinträge in die Umwelt sollen sich an der Belastbarkeit der Umweltmedien orientieren ..."

Und durchforsten wir ergänzend die Literatur über nachhaltiges, also ökologisches, umweltverträgliches Bauen, so finden sich bei allen Widersprüchlichkeiten vier Gemeinsamkeiten als Forderungen:
1. geringer Primärenergieeinsatz
2. Bevorzugung nachwachsender bzw. unbegrenzt zur Verfügung stehender Rohstoffe
3. Minimierung von Schadstoffeinträgen in Umwelt und Innenraum
4. Einsatz wiederverwertbarer Baustoffe und Bauteile.

Mir ist nur ein einziger Baustoff bekannt, der alle diese Forderungen voll und ganz erfüllen kann - das ist Lehm. Er übertrifft auch den Baustoff Holz, einerseits wegen des Primärenergieaufwands, andererseits wegen seiner unbegrenzten Wiederverwertbarkeit.

Es gibt tatsächlich keinen anderen Baustoff, der wie der Lehm "unendlich oft durch Wasserzugabe aufbereitungsfähig für Produkte ... mit stets gleichbleibender Qualität bleibt. So kann tatsächlich ein geschlossener Kreislauf ohne Reststoffeinträge und ohne Neumaterialzugabe entstehen."4 Und weiter: "Lehm ist überall und auf Dauer vorhanden ... Lehm und Zuschläge sind nicht giftig. Produkt und Produktion ohne Emissionen."5 Zweifellos gilt diese extreme Form der Nachhaltigkeit nur für den vor Ort gewonnenen und verbauten Lehm. Aber auch industriell gefertigte Lehmbaustoffe haben im Vergleich zu anderen Materialien eine günstige Herstellungsenergiebilanz.

Die Vorzüge des Lehmbaus sind unstrittig. Wenn seine Akzeptanz dennoch gering ist, so muß geklärt werden, worin die Widerstände begründet liegen, welche Hemmnisse zu überwinden sind, welche Strategien zu ihrer Überwindung beitragen können.


Von der lokalen Bautradition für den modernen Lehmbau lernen!

Wie beschrieben, bestimmten lokale Techniken und Traditionen die Entwicklung des Lehmbaus. Sie prägen bis heute seine Anwendung. Während in vielen Regionen Mitteleuropas Lehm vorrangig in Verbindung mit Holz in Fachwerkkonstruktionen zur Ausfachung in Wänden und Decken eingesetzt wurde, sind große Teile Südwestfrankreichs vom Stampflehmbau geprägt. In anderen Lehmbauregionen - beispielsweise in Mittelspanien - war der Bau mit Lehmsteinen (Adobe) verbreitet.

Betrachten wir den zeitgenössischen Lehmbau, so finden sich diese regionalen Techniken auch in aktuellen Baukonstruktionen. Durch die Impulse von CRATerre in Frankreich wurde der traditionelle Stampflehmbau weiterentwickelt, während in Deutschland der moderne Holzbau als Ständerkonstruktion mit Lehmausfachungen vorangetrieben wird. Daneben werden mit moderner industrieller Produktionstechnik vielfältig einsetzbare Lehmsteine mit unterschiedlichen Zuschlagstoffen produziert.

Dank eines erweiterten Angebots an Fertigprodukten wurde ein wichtiges Hindernis für die professionelle Umsetzung von Lehmbaukonstruktionen beseitigt. Mit der Entwicklung von Lehmsteinen, Lehmbauplatten, Oberflächenmaterial in gleichbleibenden Qualitäten mit geeigneten Werkzeugen und Maschinen sind die Voraussetzungen geschaffen, daß sich die wachsende Zahl von Lehmbauunternehmen mit kalkulierbaren Produkten, Terminen und Kosten im Wettbewerb behaupten kann.

Auch wenn dabei so manches Lehmbau-Idyll mit idealistisch motivierten Handwerkern auf der Strecke bleibt, ist diese Entwicklung für eine deutliche Verbreitung des Bauens mit Lehm unabdingbar. Derzeit gibt es europaweit nur wenige Firmen, die eine professionelle Baustoffproduktion mit Lehm betreiben. Es ist jedoch absehbar, daß die Nachfrage rasch steigt und sich damit auch die Voraussetzungen für neue Bauprodukte deutlich verbessern.

Trotz der technischen Fortschritte des modernen Lehmbaus ist es bisher nicht gelungen, den Lehm als einen dem Ziegel, Kalksandstein gleichwertigen und zukunftsfähigen Massenbaustoff zu präsentieren. Hierfür gibt es verschiedene Gründe:

dem Lehm haftet das Vorurteil der Vergänglichkeit an
herkömmliche Lehmaußenwände erfüllen nicht die Anforderungen des Niedrigenergiestandards
Lehm ist als Baustoff für zeitgemäße Architektur noch kaum genutzt und deshalb weithin unbekannt
die idealen Eigenschaften des Baustoffs Lehm für Denkmalpflege und Sanierung sind nicht angemessen dokumentiert und werden deshalb von vielen Bauphysikern ignoriert.

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