DAS VORURTEIL DER VERGÄNGLICHKEIT

Lehmbau ist konfrontiert mit dem Vorurteil der Vergänglichkeit. Sein ökologischer Vorteil, die immer wieder mögliche Rückführung durch Wasserzugabe, wird zum "Hemmnis im Kopf". Insofern gilt es, die große Dauerhaftigkeit des Lehmbaus deutlich zu machen: "Daß sie nicht zerkrümeln, ist ein Geheimnis. Daß diese viereckigen Lehmhäufchen Jahrhunderte und Jahrhunderte durchhalten, während griechischer Marmor stürzt und Kathedralen wanken, das ist das Wunder. Aber die bloße menschliche Hand mit einem bißchen frischem, weichen Lehm ist eben rascher als die Zeit und trotzt den Jahrhunderten", schreibt D. H. Lawrence über die Pueblobauten in Südwestamerika.

Tatsächlich gehören Lehmbauten zu den besterhaltenen Bauwerken der menschlichen Kulturgeschichte und zeugen von enormer Langlebigkeit - richtige Konstruktion und Wartung vorausgesetzt. Vergleichen wir Lehmbauten mit den angeblich Dauerhaftigkeit und Beständigkeit verkörpernden Betonbauwerken, wird rasch erkennbar, wie unhaltbar die Vorurteile gegenüber Lehm sind. Die überall notwendige und immens aufwendige Betonsanierung verdeutlicht, daß der Baustoff Beton Hoffnungen angesichts aggressiver Umwelteinflüsse nicht erfüllen kann. Dagegen belegen Beispiele aus der Denkmalpflege die weltweite Dauerhaftigkeit von Lehmbauten in unterschiedlichsten Klimazonen.

Ob es uns gefällt oder nicht: wir leben in einer Zeit, in der das Marketing das "Image" prägt und unser Verhalten beeinflußt. Dies gilt es zu nutzen, um die Beständigkeit, Dauerhaftigkeit und Langlebigkeit des Baustoffs Lehm überzeugend darzustellen. Jeder private oder öffentliche Bauherr hat ein Bedürfnis nach Sicherheit für seine immensen Investitionen. Solange aber die langwährende Beständigkeit des Lehmbaus nicht bekannt ist, wird im Zweifelsfall die Entscheidung für ein anderes Material fallen.

Hier liegt eine besondere Verantwortung der Planer und Ausführenden im Lehmbau, denn nichts ist verheerender, als das Image der Vergänglichkeit durch Baufehler zu bestätigen. Lehmbau sollte als eine besonders qualitätvolle Bauaufgabe deutlich gemacht werden, die einer speziellen Qualifikation und Sorgfalt bedarf. Insofern ist es nicht immer hilfreich, daß ein jeder ohne besondere Schulung und Qualifikation als "Lehmbauer" auftreten kann. Das trifft in besonderem Maße auf Deutschland zu, wo ein tief verankertes System von "Zunftdenken" und Leistungsnachweisen die Akzeptanz bestimmt. Auch können wir nicht ohne weiteres an eine Tradition anknüpfen, in der empirisches Wissen um die richtige Verwendung von Lehm von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Wir bewegen uns in einem hochspezialisierten Wirtschaftszweig. Daher ist die Initiative des Dachverbands Lehm ein notwendiger Schritt, dem deutschen Bedürfnis nach Ordnung und Normung mit einem Regelwerk6 nachzukommen.

In anderen europäischen Ländern, besonders im mediterranen Bereich ist dieser Weg wohl weniger erforderlich. Stärker als in Nord- und Mitteleuropa muß dort das dem Lehm anhaftende Bild des ländlich-rückständigen Bauens korrigiert werden. Die Industrialisierung setzte dort später ein, und noch ist die Landflucht stärker als die Landsuche begüterter Städter, die zum Beispiel in Deutschland die Pioniere des neuen Bauens mit Lehm waren. Hierzulande, das weiß ich aus meiner eigenen Berufspraxis, ist es bedeutend leichter, einen Apotheker oder Professor als einen Landwirt vom Bauen mit Lehm zu überzeugen.


Erfüllt Lehm die neuesten technischen Anforderungen?

Ein weiteres Hemmnis für eine breite Anwendung des Lehmbaus in Deutschland sind die geänderten technischen Anforderungen an moderne Baukonstruktionen. Vor allem die anspruchsvollen Bestimmungen zum Wärmeschutz der Gebäudehülle führten in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer deutlichen Veränderung der Baukonstruktionen. Über sehr lange Zeiträume sind die Wandkonstruktionen hinsichtlich ihres thermischen Verhaltens im wesentlichen dieselben geblieben. Ob als Fachwerkgebäude, Lehmstein- oder Stampflehmbau - die üblichen Anforderungen an eine Außenwand konnte Lehm im Vergleich zu anderen Wandbaustoffen ohne Einschränkungen erfüllen. Im Vergleich mit Naturstein und oft auch mit Ziegelmauerwerk war der Baustoff Lehm hinsichtlich seines thermischen Verhaltens sogar überlegen. Lehmhäuser galten als kühl im Sommer und warm im Winter.

Die seit den siebziger Jahren zunehmend akzeptierte Forderung nach stark wärmedämmenden Konstruktionen bedeutet für den Lehmbau eine ernstzunehmende Herausforderung. Eine traditionelle einschalige Lehmaußenwand - gemauert, ausgefacht oder gestampft - wird den Forderungen nach einem Niedrigenergiestandard nicht gerecht. Doch diese neuen Anforderungen führten zu technischen Innovationen. Die Leichtlehmtechnik - ihre Vorläufer sind die altbekannten Zuschläge von Stroh, Häcksel und anderen Stoffen - wurde in Richtung einer extremen Verringerung der Rohdichte des Baustoffs weiterentwickelt. Lehm wurde dabei zum Bindemittel für die organischen oder mineralischen Zuschlagstoffe, die ihrerseits die erstrebte Wärmedämmung bewirken. Beim Leichtlehmbau ist es schon fraglich, ob es sich tatsächlich noch um Lehmbau handelt. Tatsächlich ist es vom Verhältnis der Materialmengen her eher eine Stroh-, Holzhäcksel- oder Blähton-Bauweise, vergleichbar den Holzwolleleichtbauplatten, die gemeinhin auch nicht dem Zement- oder Magnesitbau zugerechnet wird.

Festzuhalten ist, daß die Leichtlehmtechniken den aktuellen Anforderungen des Niedrigenergiestandards nicht gerecht werden, da die Wandstärken auf Grund des Trocknungsverhaltens begrenzt sind. Künftig wird der Baustoff Lehm deshalb eher wegen seiner wärmespeichernden und raumklimatischen Vorzüge mit zusätzlicher außenliegender Wärmedämmung eingesetzt werden.


Exkurs: Export der Leichtlehmtechnik

Für Klimazonen mit gemäßigten winterlichen Temperaturen, wo auch einschalige Außenwände ausreichenden Wärmeschutz garantieren, ist Leichtlehmbau eine sinnvolle Bauweise. Da dies für viele südeuropäische Regionen gilt, wäre eine Erprobung verschiedener Leichtlehmtechniken in diesen Ländern im Sinne eines Technologietransfers wünschenswert. Daß dies gelingen kann, zeigt das Beispiel der Heimstatt Tschernobyl in Weißrußland. Dort entstand in den vergangenen Jahren für Menschen, die wegen der Reaktorkatastrophe umsiedeln mußten, eine Lehmbausiedlung in der Tradition der westfälischen Heimstätte Dünne. Mit Unterstützung deutscher Lehmbaufachleute wurden Holzständerkonstruktionen mit Holzhäckselleichtlehm erstellt, die der dort üblichen Bauweise gerade hinsichtlich ihres thermischen Verhaltens überlegen sind.

Im Vordergrund dieses Projektes stand aber noch ein wichtigeres Anliegen: Hilfe zur Selbsthilfe. Bei geringsten finanziellen Mitteln ist die Leichtlehmbauweise unter Mitwirkung der späteren Bewohner die einzig realistische Methode, ökonomische Vorteile des Lehmbaus - beinahe kostenloses Material aus Lehm und Holzabfällen - zur Herstellung moderner Gebäude zu nutzen. Obwohl auch in Weißrußland die Vorbehalte gegen die als primitiv angesehene Bauweise erheblich sind, überzeugte der Erfolg.

Wenn viele Projekte in Europa die ökonomischen Vorzüge des Lehmbaus nutzen - Beispiele finden sich u.a. in Dänemark, Deutschland, Holland und der Schweiz -, so rückt ein anderer Aspekt des Bauens mit Lehm in den Vordergrund. Unter fachlicher Anleitung können auch nicht vorqualifizierte Menschen erstaunlich sinnvoll in den Bauprozeß eingebunden werden, gleich ob bei Maurerarbeiten mit Lehmsteinen, bei Leichtlehm- oder Stampflehmarbeiten. Wie die große Zahl der mittlerweile realisierten Beschäftigungsprojekte zeigt, bietet das Bauen mit Lehm ein wachsendes Potential für Eigenleistung und Selbsthilfe.

Während also auf der einen Seite der Wettbewerb hochqualifizierte Lehmbauexperten für Planung und Ausführung erfordert, besteht daneben ein Bedarf an Fachanleitern für sinnvolle Selbsthilfemodelle. Dies gilt nicht nur für öffentlich geförderte Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, sondern ebenso für den privaten Bauherrn, der mit seiner "Muskelhypothek" Eigenleistung sinnvoll erbringen möchte.


Lehm - ein Baustoff für zeitgemäße Architektur?

In einer Umwelt, die zunehmend von menschlichen Eingriffen geformt wird, wächst das Bedürfnis nach der verlorengegangenen Nähe zu natürlichen Prozessen. Wachsende Dynamik virtueller Wirklichkeiten weckt den Wunsch nach realer, natürlicher Wirklichkeit. In der gegenwärtigen Baukultur werden künftige menschliche Lebensräume mittels High-tech-Lösungen realisiert, wie es sich z.B. auf den Großbaustellen in Berlin zeigt. Daneben wächst zugleich der Wunsch nach Überschaubarkeit, ablesbarer Technik und realer Gestaltqualität.

Die Technisierung unserer Lebenswelt erklärt, weshalb uns Martin Rauchs moderne Gestaltung der tradierten Stampflehmtechnik so fasziniert, wie sie von ihm in Österreich umgesetzt wird. Im Landeskrankenhaus von Feldkirch zeugt seine gelungene Synthese von moderner Stahlglaskonstruktion und wärmespeichernder Stampflehmwand mit archaischer Erscheinungsform von einem zeitgemäßen Weg für den Lehmbau. Das Bekenntnis zu einer zeitgemäßen Architektur, die sich in neuen Gestaltungsmöglichkeiten ausdrückt und sich nicht darauf beruft, das Bauen mit Lehm an sich sei hinreichender Qualitätsnachweis, ist der vielleicht wichtigste Beitrag für den zukünftigen Lehmbau.

Ein Blick in die Baugeschichte zeigt die Bedeutung der materialgerechten Gestaltung. Anfang der zwanziger Jahre schuf Mies van der Rohe die Vision eines gläsernen Hochhauses; zum Ende des Jahrhunderts ist dieses Leitbild die gültigste Architektursprache des modernen Bauens. Kaum ein Baustoff hat eine so revolutionäre Entwicklung erlebt wie die Glastechnologie, letztlich aber deshalb, weil kühne Baumeister mit ihren Gestaltungsvisionen den Weg wiesen. Nicht der Baustoff entscheidet über die architektonische Qualität eines Gebäudes, einer Siedlung oder einer Stadt. Er ist das Mittel zum Zweck. Nur wenn es gelingt, für ein Baumaterial die überkommenen Grenzen zu überwinden, wie es Le Corbusier für den Stahlbetonbau leistete, kann ein Baustoff zu einem prägenden Gestaltmerkmal werden.

Um eine zukunftsfähige Lehmarchitektur zu ermöglichen, müssen die Gestaltungsmöglichkeiten des Baustoffs Lehm, wie sie uns in den Bauten der Pueblos, den Städten im Jemen, den Moscheen in Afrika und vielen regionalen Beispielen in Europa begegnen, in eine zeitgemäße Form übersetzt werden. Aufgabe ist es, die ureigenen Gestaltungsmöglichkeiten des Baustoffs Lehm zu artikulieren, um eine breite Wirkung in der Architektur zu erzielen. Die qualitativ hochwertigen Gebäude von Franz Volhard oder Heinz G. Sieber sind Muster für guten Holzbau. Der Baustoff Lehm spielt bei diesen Beispielen zwar eine bauphysikalisch wichtige, visuell aber kaum erlebbare Rolle.

Ein aktuelles Beispiel für die zeitgemäße Umsetzung von Architektur mit einem traditionellen Baustoff ist die Entwicklung des modernen Holzbaus. Obwohl mit ähnlichen Vorurteilen wie der Lehm behaftet - wartungsintensiv, vergänglich, brandtechnisch und schalltechnisch problematisch -, ist es dennoch gelungen, eine neue Architektursprache für das Material Holz zu entwickeln. Viele namhafte Architekten gingen neue Wege im Holzbau, nicht nur im Wohnungsbau, sondern auch für öffentliche, gewerbliche und andere Nutzungen.

Eine ähnliche Entwicklung verlangt der Lehmbau, um seine besonderen Aspekte, seine Plastizität, Farbe und Körnung, seine spezifische Oberflächenbeschaffenheit erfahrbar zu machen. Ihn zwischen Dämmschichten zu verstecken und auf seine ökologischen Qualitäten zu verweisen, wirkt architektonisch nicht überzeugend. Wir sollten die wachsende Bereitschaft zur Anwendung von Lehm als Aufforderung verstehen, neue Wege für eine moderne Lehmarchitektur zu suchen.


Lehm - ein weitgehend ignorierter Baustoff?

Mehr als der Neubau wird die Sanierung künftig eine herausragende wirtschaftliche Rolle spielen. Die hohe Wertschätzung, die der Lehmbau heute bereits in der Denkmalpflege erfährt, muß zu einem deutlichen Schwerpunkt seiner Imageverbesserung werden.

In Deutschland führte erst eine verheerenden Zahl schwerster Sanierungsfehler dazu, daß der Baustoff Lehm, vor allem im Fachwerkbau, zu einem akzeptierten Restaurierungsmittel wurde. Diese erfreuliche Entwicklung und das inzwischen gewonnene Know-how müssen sich allerdings erst gegen die nach wie vor geltenden Lehrmeinungen vieler Bauphysiker durchsetzen. Dazu bedarf es fachgerechter Dokumentationen und wissenschaftlicher Absicherung. Hierzu wäre eine europäische Zusammenarbeit besonders hilfreich. Denn noch immer verfallen vielerorts die traditionellen Lehmbauten oder werden mit scheinbar moderneren Baustoffen zugrundegerichtet. Nur eine Stunde von Madrid entfernt zerfallen ganze Dörfer mit alter Lehmbausubstanz. Das Lehmbauzentrum Navapalos versucht, dieser Entwicklung entgegenzutreten, und sammelt Erfahrungen, die von allgemeinem Interesse sind.

Der größte Teil der zukünftigen Sanierungsaufgaben liegt aber nicht in Denkmälern. Vielmehr ist die Bausubstanz dieses Jahrhunderts, die bereits mit industriellen Baustoffen errichtet wurde, umfassend zu sanieren. Hier geht es neben wärmetechnischer Verbesserung um Grundrißveränderungen und Anpassung an heutige Komfortstandards. Dies wird einen wesentlichen Teil der zukünftigen Bautätigkeit ausmachen, und dafür ist die Aufgabe des Baustoffs Lehm bislang noch nicht definiert. Eine Ausnahme macht die Gestaltung von Lehmoberflächen, wie sie in lembouw nederlands ausgeführt werden. Die große Sanierungsaufgabe verlangt Lösungen für die Innenraumgestaltung in Wohnungen, für Läden, Büros, Schulen und Kindergärten. Europa ist schon gebaut - zu einem guten Teil mit Lehm, aber eben nicht ausschließlich. Die Entwicklung von Sanierungskonzepten, die sich auf Lehmbaustoffe stützen, sind deshalb eine wichtige Zukunftsaufgabe.


Zukunftsaufgabe Lehmbau

Am Ende dieses Jahrhunderts stehen wir auch am Ende der industriellen Ära. Wir haben das Ziel der "nachhaltigen Entwicklung" formuliert. Mit dem Baustoff Lehm kann dazu ein wesentlicher Beitrag geleistet werden, wenn es gelingt, regionale Traditionen aufzugreifen und in zeitgemäße Techniken und Gestaltungsformen zu übertragen. Die große Sympathie, die der Baustoff Lehm erfährt, ist ein wichtiges Kapital, wenn zukunftsgerichtete Planer und professionelle Handwerker gangbare Wege zu seinem vielfältigen Einsatz aufzeigen. Um mit diesem Kapital zu wuchern, bedarf es vor allem nachahmenswerter Beispiele modernen Lehmbaus und des Erfahrungs- und Meinungsaustauschs, die den aktuellen Stand reflektieren, verbreiten und zu Innovationen anregen. Lehm verbindet Menschen, Lehm ist ein "demokratischer" Baustoff, allen Bauaufgaben angemessen, denkbar einfach und schlicht, ebenso anspruchsvoll und kostbar. In allen Regionen verwurzelt, weil überall verfügbar, hat Lehm eine sehr lange Geschichte und hoffentlich auch Zukunft.


Klaus Beck

Anmerkungen

1 Entropie: Maß für "Unordnung" (der natürlichen Umwelt). S.a. Anm. 2
2 Siehe dazu ausführlicher A. Welter: Entropie. Baustoffe und Ökologie, Tübingen 1996
3 Deutscher Bundestag (Hg.): Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt, Konzept Nachhaltigkeit". Bonn 1997
4 Bredenhals, Willkomm 1996
5 F. Volhard: Leichtlehmbau, 5., erg. Aufl., Heidelberg 1995
6 Vgl. die vom Dachverband Lehm e.V. herausgegebenen "Lehmbauregeln"

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