 |

Eines meiner Lieblingsbücher, das mich im elterlichen Bücherschrank fasziniert
hat, war das "Blaue Buch" über Fachwerkhäuser1. (Abb. 1*) Ein
Fachwerkhaus reiht sich an das andere, und im ganzen Buch kommt nur einmal
der Begriff Lehm vor. Darin drückt sich für mich eine sehr auffällige
Eigenschaft dieses bescheidenen Baustoffs aus. Er gehörte so sehr zur
Alltagskultur, daß es in der Schriftkultur kaum Zeugnisse über ihn gibt.
Ein wesentlich besseres Gedächtnis hat unsere Sprache. Ein deutlicher Hinweis
auf die frühere Allgegenwart und Bedeutung des Lehms sind die Orts- und
Familiennamen Letter, Kleiber (Lehm und Kleben sind wortgeschichtlich
verwandt) und in Brandenburg und Berlin die Ortsnamen Glindow, Glienicke und
ähnliche nach dem slawischen Wort glin für Lehm. Das Wort Wand gibt Auskunft
über die alte Technik, Weiden- oder andere elastische Zweige um die
Stakhölzer im Gefach zu winden, um die Wände der Fachwerkhäuser zu
errichten.2 (Abb. 2)

Lehm kommt in der Mark Brandenburg relativ häufig vor. Besonders nördlich von
Berlin gibt es große Flächen eiszeitlichen Geschiebelehms. Schwerer erkennbar
sind die großen Gebiete mit Flußlehmvorkommen, auch Auelehm genannt, z.B.
entlang von Oder und Havel. Eiszeitlicher Geschiebelehm ist allenthalben in
unserer Landschaft zu finden. Er steht direkt unter der Oberfläche, unter dem
Mutterboden an. Seltener sind Lettelehme, die als Ablagerungen eiszeitlicher
Seen entstanden, wobei sich einzelne Schichten wie Baumringe genau
unterscheiden lassen. Lettelehm ist für Lehmbauer sehr interessant, weil er
nahezu steinfrei ist.

Typisch für die Mark Brandenburg war das Vorherrschen des Fachwerkhauses mit
einer großen Vielfalt unterschiedlicher Techniken der Ausfachung (Abb. 3). Am
bekanntesten ist die Auszäunung mit Weidenzweigen um Stakhölzer. Vereinzelt
kommen Wellerwände mit umwickelten Staken im Gefach oder in Zopftechnik vor.
Häufig wurden die Staken einfach ins Gefach gestellt und beidseitig mit
trohlehm beworfen. Diese Vielfalt hängt mit der Geschichte unserer Region
zusammen, die seit dem Mittelalter in regelmäßigen Wellen vom Westen
Deutschlands her besiedelt wurde. Die Menschen brachten aus ihrer Heimat
nicht nur ihre Ortsnamen, sondern ebenso ihre Lehmbautechniken mit.

Zur Vielfalt der Haustypen in der Mark Brandenburg gehört auch das
Laubenganghaus aus der südlichen Uckermark (Abb. 4).

|

Lehmbauphasen in der Mark Brandenburg

|

In Preußen propagierte die Obrigkeit im Zuge ihrer Wirtschafts- und
Bevölkerungspolitik seit der Mitte des 18. Jh. aus vielen Gründen den Lehmbau.
Propagiert wurde eine Bauweise, bei der die Wände aus Lehm ohne Holzskelett
die Lasten abtragen. Sie benötigte viel weniger Holz als ein Fachwerkhaus. Die
Wälder waren zu Beginn der Industrialisierung durch die Köhlerei für Glas- und
Keramikmanufakturen, für Erzberg- und Schiffsbau stark beansprucht. In den
Dörfern mit ihren eng stehenden stroh- und reetgedeckten Fachwerkhäusern
brannte es häufig, die rege Bautätigkeit nach den Schrecken des
Dreißigjährigen Krieges sowie eine 1781 einsetzende Schädlingsplage in den
Wäldern taten ein übriges.3

Abb. 5 veranschaulicht die zeitliche Abfolge der Lehmbauaktivität in der
Region Brandenburg; der Umfang der Bauvolumina ist geschätzt. In der Mitte des
18. Jh. beginnt der Massivlehmbau, der aber zum 20. Jh. hin wieder an
Bedeutung verlor. In den Notzeiten nach beiden Weltkriegen und mit Beginn der
Ökologiebewegung besann man sich aus unterschiedlichen Gründen wieder auf den
Baustoff Lehm. Wir haben also drei Zeiträume, in denen der Lehmbau aus
verschiedenen Gründen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten und
Anwendungsprofilen in unserer Region eine Rolle spielte.

|

1. Phase: "Vorteilhafte Lehmbaukunst" (ca. 1760-1840)

|

Für die Einführung des Massivlehmbaus in der Mark spielte David Gilly
(1748-1804), königlicher Geheimer Ober-Bau-Rat, Mitbegründer und Lehrer an der
Berliner Bauakademie, eine zentrale Rolle. Er widmete sich u.a. dem ländlichen
Bauen - der größte Teil der Bevölkerung lebte auf dem Land - und
veröffentlichte 1790 das schmale Büchlein "Beschreibung einer vorteilhaften
Bauart mit getrockneten Lehmziegeln". Kurz zuvor hatte er anonym die
"Praktische Abhandlung aus der Landbaukunst, betreffend den Bau der
sogenannten Lehm- und Wellerwände" publiziert.4 Gilly setzte sich
zeit seines Lebens mit der Lehmbautechnik auseinander. Anfangs polemisierte er
stark gegen den Pisébau, milderte diese Haltung aber später ab. Sein
Hauptinteresse galt dem Lehmpatzenbau, den er aus Witterungsgründen wegen des
besseren Schutzes während der Bauzeit für unsere Region bevorzugte.

Die damalige Diskussion, in anschaulicher Sprache geführt, zeichnet sich durch
eine vorurteilsfreie, genaue Beschreibung aus, wie die folgenden Zitate zeigen:
"So stark ist die Kohäsion der Lehmziegel mit dem Lehm, womit sie vermauert
werden, und da die Austrocknung des Lehms in den Fugen bald erfolgt, so ist
auch weit eher auf diese Kohäsion zu rechnen, als bei Mörtel und gebrannten
Steinen." Als Vorteil wird das rasche Austrocknen der Lehmwände hervorgehoben,
weshalb das gefürchtete Trockenwohnen bei Lehmhäusern entfällt.

Über das Putzen ist vermerkt: "Die inneren Flächen der Lehmwände werden bloß
mit Lehm, der mit etwas scharfem, reinen Sande vermischt ist, mit dem
Reibebrette glatt gerieben, sodann aber mit dünnem Kalk abgeweißt oder eine
Kreide oder anderer Grund von Erdfarben zur Malerei aufgetragen. (...) Den aus
Lehmpatzen, Lehmsteinen, Pisé oder überhaupt aus Lehm geführten Mauern einen
haltbaren äußeren Abputz und dadurch zugleich die nötige Decke gegen
Einwirkung der Witterung zu geben, ist eine der schwierigsten Aufgaben und hat
seiner Notwendigkeit und Nützlichkeit halber den Erfindungs- und
Beobachtungsgeist mancher Baumeister und Freunde der ökonomischen Baukunst
bereits beschäftigt. Schon früher habe ich angezeigt, wie man beobachtet haben
wolle, daß der Mergelkalk besser als der Steinkalk sich an Lehmmauern
halte."

Dieser nicht ganz saubere Kalk enthält wegen seiner Tonbeimengungen
hydraulische Anteile, deren Effekt heute durch Zement oder im ökologisch
orientierten Bauen durch Traßzusatz erreicht wird. "Herr Böthke ... findet den
besten Putzmörtel in dem aus Kalk, Kaff und Lehm gemischten sogenannten
Sparkalk und rät an, nach geschehener guter Austrocknung wieder eine feuchte
Witterung zum Antragen des Putzes abzuwarten." Und als Kuriosum ist vermerkt:
"Man machte bei diesem Bau auch die Erfahrung, daß die während der Ausführung
der Lehmwände eingetretenen starken Regengüsse diesen Wänden nicht schadeten.
Nach der Goldfußschen Methode Lehmwände auszuführen, soll man sich dadurch vor
dem Regen während des Bauens sichern, daß auf den Ecken der Gebäude und
außerdem distanzweise Pfeiler von gebrannten Steinen aufgeführt, auf selbigen
das Dach aufgerichtet und gedeckt werde, um das Übrige der Wände mit
Lehmziegeln zu vollenden; diese Vorsicht ist aber keineswegs nötig, sie ist
mit Weitläufigkeiten verbunden und findet bei zweistöckigen Häusern nicht
statt."

Aus dieser ersten Phase neuzeitlichen Lehmbaus in der Mark sind Gebäude
erhalten. Ein Beispiel ist das kleine Ernhaus in Beerbaum, nahe Bad
Freienwalde (Abb. 6) - ein Mittelflurhaus, links Wohnräume, rechts Ställe, in
der Mitte die sehr kleine schwarze Küche mit offenem Herdfeuer. Es wurde
außerhalb der weitläufigen Gutsanlage 1804 in Stabpisé-Bauweise errichtet. In
den Geschiebelehm mit seinem runden Korn wurden sehr regelmäßig in jede
Stampfschicht diagonal Schwachhölzer als Bewehrung gegen das Schwinden
eingelegt. Sie enden bündig und dienen nicht als Putzträger. Auf die
Stampflehmwand wurde eine 1,5 cm dicke Putzschicht aus Lehm mit sehr viel
Stroh aufgezogen, die, nachdem sie angezogen, aber noch nicht durchgetrocknet
war, als Wetterschutz einen sehr dünnen Kalkmörtelüberzug erhielt. Diese Putze
sind bei den zweihundert Jahre alten Häusern oft noch im Original erhalten,
also äußerst haltbar. Das Wissen darüber ging offensichtlich im Laufe der Zeit
verloren. Neben der unteren Schicht sind auch die Fensterlaibungen aus
gebrannten Steinen gemauert. Leider ist das Haus kaum mehr als eine Bauruine.
Es wäre höchste Zeit, das vom Denkmalschutz als sehr wertvoll eingestufte Haus
beispielhaft zu rekonstruieren. Dieselbe Bauweise hat ein Haus in
Wensickendorf nördlich von Berlin (Abb. 7), allerdings mit einer zeittypischen
Putzfassade, zu deren Haftung vermutlich Drähte gespannt wurden.

In seiner "Beschreibung einer vorteilhaften Bauart mit getrockneten
Lehmziegeln" von 1790 beschreibt Gilly jene Lehmbauweise, für die er sich
zeitlebens am heftigsten engagierte und die vermutlich die weiteste
Verbreitung erfuhr: "Wenig bekannt, aber ungleich vorteilhafter (als Wellerbau)
ist die Bauart mit getrockneten Lehmziegeln, die man auch Lehmpatzen oder
ägyptische Ziegel zu nennen pflegt. Sie hat unter anderem auch den hauptsächlichen Vorzug, daß die Wände gleich von einem bereits trockenen Material ausgeführt werden, mithin geschwinder dargestellt und mit dem nötigen Dachwerke versehen werden können.

Es wird nämlich mit Wasser erweichter Lehm, welcher eben von keiner
vorzüglichen Güte sein darf, mit etwa drei Zoll lang gehacktem Stroh und
besonders mit vielen Flachsschefen meliert, durcheinander getreten und davon
in einer im Lichten 15 Zoll langen, siebeneinhalb Zoll breiten und sechs Zoll
hohen hölzernen Form (wie die gewöhnlichen zum Ziegelstreichen) (40 x 20 x 16
cm) in freier Luft die Lehmziegel gestrichen; diese Lehmziegel legt man einige
Zoll weit auseinander mit der breiten Seite auf die Erde zum Trocknen; wenn
sie in der Art etwas betrocknet sind, werden sie auf die hohe Kante gestellt,
damit auch die andere Seite betrocknet. Hierauf legt man sie auf zwei
nebeneinander auf der Erde gestreckte Latten, ebenfalls einige Zoll
auseinander, damit die Luft alle Seiten des Ziegels bestreichen kann.

Bei guter trockener Witterung sind die Lehmziegel in drei höchstens vier
Wochen durchaus trocken und erhalten, wenn viel gehacktes Stroh, und was noch
besser ist, recht viele Flachsschefen dazu genommen werden, eine solche
Festigkeit, daß man nicht im Stande ist, mit dem Mauerhammer stückweise etwas
davon loszuhauen, sondern es müssen die sogenannten Quartierstücken zum
Verband der Mauer mit der Säge davon abgeschnitten werden."

1830 ließ Graf von Arnim im Dorfkern von Hohenschönhausen, damals 5 km
nordöstlich vor Berlin, ein Landarbeiterhaus für 8 Familien errichten. Es mißt
10 x 40 m, ist zu beiden Achsen spiegelbildlich angelegt, jede Hälfte aber
noch einmal in sich geteilt, so daß sich jeweils vier kleine schwarzen Küchen
um einen Schornstein gruppieren. Im Dachboden ist an den Stirnseiten jeweils
eine Gesindekammer eingestellt. Die Südfassade hat eine 40 cm dicke
Lehmpatzen-Wand, die nördliche Längsseite ist aus gebrannten Steinen
errichtet, die Scheidewände innen aus Lehm- oder Luftsteinen mit Lehm
verputzt. Die Lehmpatzen messen 14 x 14 x 30 cm. Der ursprüngliche
Lehmfußboden wurde kurz vor der Jahrhundertwende durch einen Holzfußboden
ersetzt. Im übrigen ist das Haus, abgesehen von Bauschäden, im
Originalzustand, im Berliner Raum also eine Rarität. Auch bei diesem Haus ist
die oben beschriebene Art des Putzes deutlich erkennbar.

Ebenfalls aus Lehmpatzen wurde das Pfarrhaus in Langerwisch gebaut (Abb. 8),
das Höll/Scherer 1993 rekonstruierten. Das ursprüngliche Fachwerkhaus brannte
im Januar 1797 ab, Datum des neuen Bauantrages war März, Richtfest im Juni
desselben Jahres. Die Kürze der Bauzeit hängt vermutlich mit einer Verordnung
zusammen, die wegen der häufigen Brände erlassen wurde und vorschrieb, eine
geeignete Zahl Lehmpatzen in jedem Dorf vorrätig zu halten. Die Steine sind
hier nicht mit Fasern bewehrt, der Lehm scheint nur wenig durchgearbeitet und
enthält viele Steine.

Aus Sparsamkeit bauten die Gutsbesitzer damals mit Lehmsteinen in allen
denkbaren Mischformen. Ein Beispiel dafür ist das schmucke Gutshaus des Gutes
Wendtshof in der Nähe von Prenzlau. Der inzwischen abgerissene Teil des Hauses
bestand in den Außenwänden aus einem Mischmauerwerk, innen ungebrannte, außen
gebrannte Steine im Verbund vermauert. Gilly schrieb dafür vor, mit demselben
Mörtel innen und außen zu mauern, also entweder durchgehend Kalk- oder
Lehmmörtel einzusetzen.

Reine Pisé-Bauwerke sind in unserer Region schwer zu finden und sehr selten.
In Pessin, westlich von Nauen, stand bis vor kurzem eine Scheune, 60 x 15 m
Umfang, die Außenwände 5 m hoch, 55 cm dick, mit 7 cm Stampfhöhe (Gilly
schrieb 3 Zoll vor), Schaltafeln ca. 80 cm lang. Bereits vor Ort fielen uns
weiße Einsprengsel auf, daheim, bei der Probe, zerfiel der Lehm zu Sand. Der
Franzose F. Cointeraux verfaßte nach seiner bekannten Schrift über den
Stampflehmbau auch ein Buch über den Kalk-Pisé-Bau, der in der Mark auch von
Friedrich Engels, geboren in Wrietzen, verbreitet wurde. "Nachbildungen"
dieses Verfahrens sind die heutigen Kalksandsteine.

Die in unserer Region häufig anzutreffende Mischbauweise propagierte Engels im
"Handbuch des landwirtschaftlichen Bauens", das bis 1923 in 11 Auflagen
erschien. Ein Beispiel für die Mischbauweise ist die Ruine des Stallgebäudes
der Kompturei Lietzen, bei der außen jede vierte Schicht aus gebrannten
Steinen gebaut wurde. Diese Art des Bauens, überall im Land verbreitet, steht
ganz im Widerspruch zu den Empfehlungen der Lehmbauer späterer Jahrzehnte,
nämlich Mischbauweisen auf alle Fälle zu vermeiden.

|

2. Phase: Niedergang und notbedingte Aufschwünge (1850-1945)

|

"Der Lehmbau ruft keine Industrie hervor und entbehrt einer solchen, muß sich
sogar oft industrieller Gegnerschaft erwehren." "Der Ziegler soll nicht
denken, daß der Lehmbau tot ist. Jedes Lehmhaus, das ausgeführt wird, ist ein
Nachteil für die Ziegelindustrie." Mit derartigen und ähnlichen Argumenten
etzten sich die aufkommende Ziegelindustrie und der untergehende Lehmbau im
19. Jh. auseinander. Aber der Lehmbau hatte keine Chance, dem mit der
Industrialisierung rasch wachsenden Bedarf an Gewerbe-, Fabrik-, Verkehrs-,
Verwaltungs-, Schul-, Krankenhaus-, Kirchen- und nicht zuletzt Wohngebäuden
gerecht zu werden.

In Berlin hatte das bis dahin übliche eingeschossige Wohngebäude aus örtlichen
vorhandenen Baumaterialien Holz und Lehm mit Dächern aus Stroh, Rohr, oder
Holzschindeln bereits nach zwei großen Brandkatastrophen am Ende des 14. Jh.
eine Veränderung erfahren. Fachwerkhäuser wurden mit gebrannten Mauerziegeln
ausgefacht, und es entstanden die ersten Wohngebäude aus Backstein. Die Städte
Berlin und Cölln bauten eigene Ziegeleien, weil der Bedarf an Backsteinen
ständig stieg. Sie glichen den Mangel an natürlichen Bausteinen in der Mark
Brandenburg aus. Die Berliner Architektur beruht seitdem auf dem Backsteinbau
mit Putzfassade, wie sie dann in den Mietshausbauten des 19. Jh. fortgesetzt
wird und noch heute in der Stadt des ausgehenden 20. Jh. allgegenwärtig ist.

Die technische Voraussetzung für die Massenfertigung von Gebäuden war die
fabrikmäßige Fabrikation von Ziegeln. Sie wurde mit der Erfindung von
Ziegelmaschinen und Ringofen zwischen 1850 und 1860 und mit der Einfuhr von
Kohle in ausreichender Menge möglich. Der erste Ringbrennofen wurde 1858/59
bei Stettin erbaut; Ende 1873 gab es in der Provinz Brandenburg bereits 150
Ringöfen, die jährlich 500 Mio. Ziegelsteine lieferten. Die benötigte
Ziegelerde stand in der näheren Umgebung Berlins ausreichend zur Verfügung.

Der Lehmbau war als moderne Bauweise völlig vergessen, als Berlin 1877
Millionenstadt wurde. Er lebte in der Erinnerung als traditionelle Technik
fort und wurde erst wieder in den Jahren der Not nach dem Ersten Weltkrieg zu
einem aktuellen Thema. Wohnungsnot, Flüchtlingselend, Wirtschaftskrise und
Geldentwertung als Folgen des verlorenen Krieges brachten den Lehmbau wieder
ins Gespräch, aber nicht als moderne, sondern als eine sparsame und weitgehend
mit den "eigenen Händen" realisierbare Bauweise. Es entstanden Vereine und
Verbände zur Propagierung dieser ökonomischen Bautechnik, und in Deutschland
wurden schätzungsweise 20.000 neue Lehmhäuser gebaut. In diesem Zusammenhang
wurden auch erste wissenschaftliche Untersuchungen des Baustoffs Lehm
durchgeführt.

Bis in unsere Region war der Einfluß der späteren Beratungsstelle für
Naturbauweisen in Sorau/Niederlausitz, 60 km östlich der Oder, zu spüren. Sie
gab ein als Manuskript gedrucktes Nachrichtenblatt heraus, das schon bald
umbenannt wurde in "Bauwirtschaftliche Mitteilungen des Deutschen Ausschusses
für wirtschaftliches Bauen und des Deutschen Ausschusses zur Förderung der
Lehmbauweisen". Die Akteure dort waren Richard Wagner und Stadtbaurat Wilhelm
Fauth. Ihr Engagement für den Lehmbau ging Hand in Hand mit ihrem Einsatz für
genossenschaftliches Bauen.

In Sorau - heute Zary - entstand 1920 bis 1922 eine Siedlung mit rund 60
Häusern. Zwei kleinere Siedlungen wurden am östlichen Stadtrand Berlins in
Neuenhagen und in Zepernick bei Berlin-Buch errichtet (Abb. 9). An den meisten
dieser Häuser fällt das runde holzsparende "Gillysche Bohlenbinderdach" auf,
das zudem den Vorteil größerer Raumfreiheit für den Dachausbau bietet.
Besonders bei den 30 Zepernicker Häusern wurden unterschiedliche Lehmbauweisen
angewandt, vom Stampflehmbau über den Lehmblockbau bis zur Verwendung
luftgetrockneter Steine, die wegen Brennstoffmangel ungebrannt in den
Ziegeleien standen. Noch heute, über sieben Jahrzehnte nach ihrer
Fertigstellung, schwärmen viele Bewohner von der Behaglichkeit ihrer Häuser.
(Abb. 10)

Ebenfalls bis heute wirkt in Ostwestfalen die Initiative Pastor G.
Bodelschwinghs fort. Er führte dort den preisgünstigen und in Selbsthilfe
durchführbaren Hausbau nach dem "Dünner Lehmbrote-Verfahren" ein. Über 350
Häuser werden von 1923 bis 1949 im Umkreis von Bethel bei Bielefeld nach einer
aus Ostafrika entlehnten Technik gebaut. Dabei wurden brotförmige Lehmballen
feucht im Mauerwerksverband vermauert (Abb. 11). Die Häuser sind bis heute
funktionstüchtig, und moderne Lehmbautechnik - ökologisch, ökonomisch und
ozial optimiert - findet in dieser Region nach wie vor Bauherren, mehr als in
allen anderen Gebieten Deutschlands.

Diese Lehmbauaktivitäten waren Kinder großer kriegsbedingter wirtschaftlicher
Not. Das gleiche trifft auf die Bemühungen des nationalsozialistischen
Deutschland zu, den Lehmbau als eine rohstoff- und industriearbeitsparende
Bauweise für ein Notprogramm zur Unterbringung Ausgebombter zu
funktionalisieren. Gründlich, wie die Nationalsozialisten in mancherlei
Hinsicht waren, brachten die zuständigen Gremien 1944 eine "Behelfsfibel für
den Lehmbau" und eine "Lehmbauordnung" heraus. Der Lehmbau, als Behelfs- und
Ersatzbauweise unter den Bedingungen des "totalen Krieges" und auf diese Weise
als letzte Rettung propagiert, wurde dadurch dem allgemeinen Bewußtsein ein
weiteres Mal als Not-und-Elend-Technik bekannt.

|

3. Phase: Neubeginn mit Lehm - aus Not (nach 1945)

|

Angesichts von Kriegsschäden, Baustoffknappheit und Flüchtlingen aus den
ehemals deutschen Ostgebieten war die Unterbringung von vier Millionen
Umsiedlern in der SBZ/DDR eine äußerst schwierige Aufgabe. Der Lehmbau als
Nothelfer war wieder (oder weiter) gefragt. Auf gesamtdeutscher Ebene wirkte
der Deutsche Ausschuß für Lehmbau (DAL) im Deutschen Normenausschuß mit seinem
Vorsitzenden Baudirektor Köster aus Hamburg, der auch das gemeinnützige
"Institut für zeitgemäßes Bauen" in Rodenberg leitete. Der DAL veranlaßte die
Aufstellung einer Reihe von Normblatt-Entwürfen, die bisher gemachte
Erfahrungen im Lehmbau zusammenfassen sollten. Landesweit aktiv war auch der
"Hessische Lehmbaudienst", geleitet von Baurat Wilhelm Fauth, eine der
Lehmbauautoritäten im Lande. Unterstützung erhielt der Lehmbau auch von den
Professoren Finger und Miller von der Hochschule für Baukunst Weimar.

Natürlich konnten sich diese Lehmbauaktivitäten nicht von der politischen
Entwicklung abkoppeln; mit zunehmender Spaltung trennten sie sich. Die für die
Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und spätere DDR entscheidenden
Lehmbauaktivitäten gingen vom Befehl 209 der Sowjetischen
Militäradministration Deutschland aus. Er wurde nach eingehenden Beratungen
mit den "demokratischen Parteien und Massenorganisationen" am 9.9.1947
erlassen und schrieb allein für 1947/48 vor, 37.000 Neubauerngehöfte zu
errichten, davon 40 % in Naturbauweisen. Dies war der Beginn des
Bodenreform-Bauprogramms in der SBZ.

Die Baufinanzierung im Rahmen der Bodenreform erfolgte mit staatlichen
Krediten - i.d.R. 8000 Mark für die völlig mittellosen Umsiedler. Die
Baukosten sollten auf 10.000 Mark je Typenhaus beschränkt bleiben, um
taatshaushalt und Neubauern nicht übermäßig zu belasten (Kredite mit
3 % Zins und 1 % Tilgung). Dies erklärt auch das hartnäckige Sträuben der
staatlichen Administration gegen jede von den Bauern gewünschte Vergrößerung
dieser ziemlich ungeeigneten Gebäude. Erst nach langem Hin und Her wurde den
Bauern eine Vergrößerung sowie der Einbau einer vorderen Stallwand in
Eigenverantwortung bewilligt, wenn sie dafür keine Kreditmittel
beanspruchten.

Der Zweijahresplan der SBZ/DDR 1948-1950 sah den Bau von
200.000 Neubauernwirtschaften vor; Bauträger waren die
Landessiedlungs- gesellschaften. 1948 wurden 30.000 Gehöfte gebaut, 1949 waren
75.000 geplant. Auf Forderung der Hauptverwaltung Land- und Forstwirtschaft
sollten 45 % (28.800) dieser Gebäude aus "örtlich vorhandenen" Baustoffen -
Natursteine, Trümmer oder Lehm - errichtet werden.

Ab 1950 wurde in der DDR Lehm verstärkt für den zweigeschossigen Wohnungsbau
eingesetzt, denn extremer Mangel an Baustoffen - es fehlten Ziegel, Beton,
Stahl und Holz - förderte das Interesse der Behörden am Lehmbau (Abb. 12).
Jedes Land entwickelte Lehmbau-Typenhäuser für Neubauernwirtschaften. Man
erprobte Techniken, und für den kostengünstigsten Lehmbau wurde ein Preis
ausgeschrieben. Baukosten einer typisierten Einheit waren mit etwa 10.000 Mark
angegeben. Bis 1952 wurden 17.300 Lehmbauten mit Gesamtbaukosten von
125.000.000 Mark errichtet. Die Typenhäuser vereinigten meistens Wohnung
(kleiner als 50 m2), Stall und Scheune unter einem Dach.

Als Zentraleinrichtung der SBZ/DDR bestand der in der Kammer der Technik
organisierte Fachausschuß Lehmbau (seit 1949: Fachausschuß für Naturbauweisen).
Jedes Land hatte einen eigenen Fachausschuß und betrieb auch eine "Lehr- und
Beratungsstelle für den Lehmbau". Letztere wurden von den Landesregierungen und
von den Hauptabteilungen Aufbau (Bauwesen) finanziert; verwaltet wurden sie von
den Wirtschaftsministerien der Länder. Die Lehr- und Beratungsstellen hatten
die Aufgabe der Bauüberwachung und unterhielten jeweils eine Lehmbauschule zur
Ausbildung von Lehmbaupolieren, Lehmbauführern und Arbeitskräften. Man bemühte
sich auch um die Auswahl und Ernennung von Lehmbausachverständigen, die die
Behörden im Genehmigungsverfahren beraten sollten. Die Lehr- und
Beratungsstellen für den Lehmbau befanden sich in Güstrow (Mecklenburg),
Werneuchen bei Berlin (Brandenburg), Wallwitz bei Halle (Sachsen-Anhalt),
Weimar-Oberweimar (Thüringen), Dresden (Sachsen). 1958 wird auch eine Lehr- und
Beratungsstelle in Neubrandenburg erwähnt.

Die Beratungsstelle für Brandenburg in Cottbus hieß "Lehr- und Versuchsstelle
für den Lehmbau" und wurde von Richard Wagner geleitet, einem der Alten aus
der Lehmbaugilde, zudem Leiter des zentralen Fachausschusses Lehmbau der
Kammer der Technik. Doch scheint das Konzept einer zentralen labormäßigen
Materialprüfung und theoretischer Kurzlehrgänge (1200 Besucher wurden
geschult) nicht aufgegangen zu sein, da man die Einrichtung unmittelbar nach
Wagners Tod im April 1949 schloß, obwohl mit Baurat Wilhelm Gutzeit ein
qualifizierter Nachfolger zur Verfügung stand. Erst später wurde wieder eine
Beratungsstelle für Brandenburg in Werneuchen eröffnet, geleitet von dem
Lehmbaupraktiker Otto Weste.

Als Baubeispiele dieser Zeit sind erhalten: in Mittenwalde, Harzfelder Straße,
gut 20 Siedlerhäuser mit mindestens drei unterschiedlichen Grundrißtypen. Ein
Großteil dieser Häuser wurde in Stampflehmbauweise gebaut, die Giebelwände
allerdings meist gemauert (Abb. 13). Diskussionen entfachte erneut die
Putzfrage. Zunächst wurden Steinleisten, später gebrannte Schalen als
Putzleisten zur besseren Haftung mit eingestampft. Fauth propagierte die
Lehmvorsatzschale, ein Strohlehmgemisch mit Zementzugabe. Ab 1956 wurde
empfohlen, Kalkzementputz zu benutzen. Die daraus resultierenden Putzschäden
sind eine Folge des in Vergessenheit geratenen Denkens in "harten" und
"weichen" Baustoffen. Es mußte von den neuen Lehmbaupraktikern, die in der
undesrepublik im Zuge der Ökologiebewegung ihre Erfahrungen sammelten, erst
wieder aufgefrischt werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

|

Burkard Rüger

|

Anmerkungen

|
|
1 |
Deutsche Bauernhäuser
(= Reihe "Die Blauen Bücher"), K.R. Langewische Verlag, Königstein/Taunus 1955
|
|
2 |
Über die Geschichte des
Baustoffs Lehm informiert umfassend, im Buchhandel aber vergriffen,
J. G. Güntzel: Zur Geschichte des Lehmbaus in Deutschland,
Ökobuchverlag Staufen 1988
|
|
3 |
Näheres hierzu s.
A.Schaendel: Landbaukunst in Brandenburg um 1800. In: Landesregierung
Brandenburg (Hg.): Baukunst in Brandenburg, Köln 1992
|
|
4 |
Gillys Hauptwerk
"Handbuch der Landbaukunst" erschien in 2 Teilen 1798, Teil 3 wurde nach seinem
Tod 1811 von D. G. Friederici herausgegeben. Zu den drei Bänden erschienen auch
Kupferstiche.

|
|
* |
Alle Abbildungen
in der Veröffentlichung als Buch

|
|