MODERNER LEHMBAU IN BERLIN/BRANDENBURG

Das Bauen mit Lehm in der Region Berlin/Brandenburg erlebt seit 1990, nach Öffnung der Grenzen, einen erfreulichen Aufschwung. Zwar hat Lehm - im Vergleich zu anderen Baustoffen - keine kapitalstarke Lobby, dafür aber den unschätzbaren Vorteil extremer Nachhaltigkeit. So ermöglicht der Baustoff Lehm, daß Planer, Bauleute und Behörden noch heute an bewährte Verfahren und Techniken anknüpfen können. Wenn es um die Zulassung nichttragender Lehmbaukonstruktionen geht, lassen sich auch Erfahrungen aus mehrjähriger Tätigkeit im LehmbauKontor Berlin/Brandenburg e.V. und bei KirchBauhof positiv bewerten. Im Lehmbau müssen zwangsläufig Baumaterialien ohne offizielle Baustoffzulassung verwendet werden, Hersteller können oft nur wenige technische Angaben liefern, und eine DIN-Normierung liegt in weiter Ferne. In dieser Situation ist es hilfreich, wenn bei auftretenden Problemen im Gespräch konstruktive Lösungen gefunden werden.

Anders als in Berlin entwickelte sich im Land Brandenburg eine steigende Nachfrage nach Lehmbaustoffen und Know-how, vor allem für die Erhaltung alter Gebäude und für die Denkmalpflege im ländlichen Raum. Es entstand eine überschaubare Struktur von Lehmbaufirmen im weitesten Sinne, zum Teil als Ausgründung von Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften. Sie kämpften besonders in der ersten Hälfte der neunziger Jahre mit einer zu geringen Nachfrage und einem unzureichenden Angebot an Lehmbaustoffen. Zudem erschwerten hohe Qualitätsanforderungen und damit verbundene Kosten das Überleben. Bezeichnend für diese Situation ist, daß - im Gegensatz zu Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern - bis heute offensichtlich keine der vielen Ziegeleien in Brandenburg qualitativ gute (Leicht-)Lehmsteine oder hochwertigen Lehmputz anbietet.

Die Entwicklung des Lehmbaus in der Region steht also trotz ermutigender Fortschritte noch am Anfang. Vieles kann (und muß) noch unternommen werden, um die vorhandenen Erfahrungen zu nutzen. Dazu gehören auch die Lehmbaufachleute der ehemaligen DDR-Bauakademie; die Aufarbeitung ihrer Tätigkeit hat eben begonnen. Versuche führender westdeutscher Lehmbaustoffhersteller und -händler, über den ökologischen Baustoffhandel in unserer Region Fuß zu fassen, waren im ersten Anlauf erfolglos. Offensichtlich reichte die Nachfrage in den letzten Jahren noch nicht, um eine leistungsstarke Händlerstruktur zu tragen.

So konnten Lehmbaustoffe nur auf Bestellung und zu stark frachtbelasteten Preisen gekauft werden. Trotz dieser Hemmnisse entstanden in Berlin seit 1990 einige Neubauten, teilweise mit Pilotfunktion, bei denen Lehmbaustoffe verwendet wurden. Die meisten Gebäude wurden für soziokulturelle Aufgaben oder als Freizeittreffs für Kinder und Jugendliche errichtet. Auf diese Weise konnten auch nach 1990 von zwei Berliner Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften unterschiedliche ökologische Bauvorhaben, vornehmlich in Berlin, realisiert werden.


Eine Ökolaube zur Naherholung in Berlin

Als städtisches Modell zur naturnahen Erholung für Berliner Kleingartenbesitzer wurden im Auftrag der Berliner Senatsumweltverwaltung 1992/93 zwei Kleinhäuser, sog. Ökolauben, geplant. Die Realisierung des ökologischen Gesamtkonzepts umfaßte verschiedene Komponenten wie Nutzung aktiver und passiver Solarenergie, Gründach, Pflanzenbeetkläranlage, Komposttoilette und naturnahe Gartengestaltung. Um den Nutzern eine maximale Kostenersparnis durch Erbringung baulicher Selbsthilfeleistungen zu ermöglichen, wurde eine einfache Baukonstruktion gewählt. Die Ökolaube mit 24 m2 Grundfläche ist als Holzständerkonstruktion ausgelegt, im Außenwandbereich mit einer 20 cm starken Strohleichtlehmfüllung als Wärmedämmung ausgefacht, auf der Innenseite mit einem zweilagigen Lehmputz versehen und außen mit einer Holzschalung verkleidet. Im Bereich des Wintergartens gibt es Massivlehmwände als Wärmespeicher in Stampfbauweise, da die Ökolaube für eine temporäre Nutzung in den Sommermonaten konzipiert ist. Nach der Fertigstellung wurden im Verlauf von zwei Jahren in Kooperation mit den Nutzern die raumklimatischen Eigenschaften des Baustoffes Lehm untersucht. Lehm gleicht Temperaturen hervorragend aus und beeinflußt das Innenraumklima günstig. Dies ist eine wertvolle Erfahrung, die in der ökologischen Bauberatung für Planer und Bauherren schwer zu vermitteln war und deshalb bisher oft die Form eines Glaubensbekenntnisses annahm.


Jugendtreff-Ökohaus in Berlin-Marienfelde Süd

Im Auftrag der Berliner Senatsbauverwaltung wurde 1992 in Marienfelde Süd, einer der tristesten Stadtrandsiedlungen, ein Jugendtreff in ökologischer Bauweise errichtet. Schwerpunkt des Projekts war die Nutzung regenerativer Energien, wofür unter anderem auf dem Gründach zwei Solaranlagen zur Warmwasser- und Energieversorgung des Gebäudes montiert wurden. Auf einer Grundfläche von 85 m2 entstand in Holzskelettbauweise ein Gebäude, daß sich nach Süden V-förmig öffnet. An seinen zentralen Kernbereich grenzen an den Flanken rechts und links je zwei kleinere Gebäudeteile für die Funktionsräume und südseitig ein kleiner Wintergarten an. Das Pultdach ist mit Korkplatten gedämmt und im Kernbereich extensiv begrünt, die beiden kleineren Gebäude sind mit Holzschindeln gedeckt. Der trichterförmige Gruppenraum, Kern des Hauses, öffnet sich keilförmig nach Süden, wo große verglaste Flächen die einstrahlende Sonnenenergie aufnehmen. Das Energiekonzept umfaßt passive (Südverglasung, Wintergarten), hybride (Luftkollektor-Speicherwand) und aktive (Photovoltaik, Brauchwassererwärmung) Sonnenenergie-Gewinnsysteme. Zusätzlich ist der Kern des Hauses von Pufferzonen umgeben, nordseitig liegt der Windfang, ost- und westseitig sind die Funktionsräume angebaut.

Aus Lehm sind innen zwei südseitige massive Lehmspeicherwände eingebaut. Ebenfalls südseitig befinden sich rechts und links des Wintergartens zwei mit den Lehmspeicherwänden verbundene Luftkollektorpaneele. Da Kollektor und Speicherwand einen geschlossenen Luftzirkulationskreislauf bilden, gelangt die im Kollektor erwärmte Luft durch Ventilatoren über Kanäle aus Kupferrohr in die Speicherwand und belädt diese, solange die Sonne scheint. Phasenweise verschoben, etwa drei Stunden nach Ende der Sonneneinstrahlung, gibt die erwärmte Wand ihre Energie an den Gruppenraum ab. Auf diese Weise unterstützt das System an sonnigen Wintertagen und in den Übergangsjahreszeiten die Raumheizung durch Temperierung umgebender Bauteile.

Neben positiven Erfahrungen mit dieser Nutzung regenerativer Energie vermittelt das Gebäude die erstaunliche Erkenntnis, daß sich Besucher des Jugendtreffs, die im Aggressionen verursachenden Umfeld einer Betonsiedlung heranwachsen, gegenüber dem weichen und warmfarbig wirkenden Naturbaustoff Lehm weniger zerstörerisch verhalten, als bei vergleichbaren Einrichtungen gewohnt.


Ökologische Siedlung Landhof in Schöneiche bei Berlin

Der Ausbau von 13 Reihenhäusern der ökologischen Siedlung Landhof in Schöneiche bei Berlin im Jahre 1995 ist (nach Kenntnis des Autors) das bisher größte Lehmbauprojekt in der Region. Die in vier Zeilen zusammengefaßten Reihenhäuser in Holzskelettbauweise wurden innerhalb eines dreiviertel Jahres vom Bauhauptunternehmer KirchBauhof gGmbH, von fünf Lehmbau- bzw. Baumischbetrieben und durch Selbsthilfe der Bauherren errichtet. Insgesamt wurden etwa 105.000 Leichtlehmsteine in Format NF als Innenschale der Außenwände oder als einfache Trennwände verarbeitet, für die Haustrennwände wurden Lehmsteine im Format 3 DF aufgemauert. Die Suche nach einem Hersteller für Leichtlehmsteine war zeitaufwendig. Schließlich fand sich in Polen eine Ziegelei, die diese Stückzahl kurzfristig produzieren und liefern konnte.

Da die Siedlung auf lehmigem Untergrund errichtet ist, konnte ein Teil des Lehms vom Baugrubenaushub der Fundamente direkt für die Wiederverwendung als Zwischendeckenfüllmasse aufgearbeitet werden. Sämtliche Lehmwände sind zweilagig mit Lehm verputzt, teilweise im Spritzputzverfahren. Wandheizungen aus Kupferrohr sind in den Lehm eingeputzt, Maueranker verbinden die Leichtlehmschale mit den Holzständern. Die Außenwand besteht von außen nach innen aus:

28 mm Lärchenholzschalung sägerauh, unbehandelt,
4 cm Luftschicht, 24 mm Lattung,
1 x 18 mm bituminierte Holzweichfaserplatte,
12 cm Zellulosedämmung,
120 x 120 mm Ständer,
BI Baupappe,
18 mm Lattung,
2 cm Luftschicht,
Lehminnenschale aus Leichtlehmsteinen NF,
Lehmputz, zweilagig.

Dieser Wandaufbau zeigt anschaulich, wie der Baustoff im modernen Lehmbau als Folge der neuen Wärmeschutzverordnung immer mehr nach innen "wandert". So kann er seine positiven raumklimatischen Eigenschaften und seine ästhetische, wohnbehagliche Wirkung weiterhin voll entfalten.


Lehmbau in der Großstadt?

Die erwähnten Beispiele, denen weitere hinzugefügt werden können,1 zeigen, daß Lehmbau auch in der Stadt möglich ist und sich nicht auf den Neu- oder Umbau von Einfamilienhäusern beschränkt. Dennoch wird Lehm wohl bis auf weiteres - zumindest in Berlin mit seiner eindeutig vom industriellen Massenbau geprägten Bautradition - vor allem Chancen in Innenausbau und Sanierung haben. Hier ist der zukünftige Bedarf allerdings riesig (wie im Kapitel Innenausbau beschrieben).

Was dem Lehmbau in Berlin trotz seines erfreulichen Aufschwungs seit 1990 noch fehlt, läßt sich leicht im Vergleich mit Regionen erkennen, wo das Bauen mit Lehm nie völlig aufgegeben wurde und in den Bauwerken die sinnliche Erfahrung des Lehmbaus fortbesteht. Durch Sanierungs- und Umbaubedarf blieben das konstruktive und handwerkliche Wissen und Können erhalten und ebenso ein Angebot der Baustoffhersteller und -händler. Diese "Lehmbaustruktur" muß in Berlin und Brandenburg schrittweise aufgebaut werden. Die beschriebenen und weitere ermutigende Anfänge sind gemacht; der vorliegende Ratgeber ist ein Schritt in diese Richtung.

Um das Bauen mit Lehm in der Region zu fördern, versucht KirchBauhof, Bauherrren zur Anwendung von Lehmbaustoffen zu bewegen. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Baubereich können sich eine Zusatzqualifikation im Lehmbau aneignen. Wichtiger noch für eine raschere Entwicklung des Lehmbaus in der Stadt ist ein ausreichendes Angebot regional beziehbarer, guter und kostengünstiger Lehmbaustoffe. Die Angebote sollten in gewünschter Ausführung und Menge verfügbar sein und folgende Spezifikationen umfassen:

Lehmbauplatten oder -elemente als Alternative zu konventionellen Trockenbaumaterialien und als Einstieg in den riesigen Markt des ökologischen Trockenbaus,
Lehmputze verschiedener Güte und Klassifizierung in unterschiedlichen Farbtönen,
(Leicht-)Lehmsteine unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Gewichts,
Leichtlehmmischungen als Massenware.

Ohne ein preisgünstiges Angebot dieser Baustoffe bleiben die Kosten das wesentliche Hemmnis eines weiteren Aufschwungs für das Bauen mit Lehm. Das zeigen die Erfahrungen der letzten sieben Jahre.

Eine weitere unabdingbare Voraussetzung dieser Strukturverbesserung ist die Professionalisierung der Beratungs- und Planungsangebote für das Bauen mit Lehm in Berlin und Brandenburg. Hier zeigen sich erste Erfolge. Auf der Basis eines Fachgutachtens zur Weiterentwicklung des Lehmbaus in unserer Region fördert die Landesanstalt für Struktur und Arbeit Brandenburg den Aufbau eines regionalen Lehmbauzentrums (s. dazu auch den Beitrag von G. Bretschneider). Auch die demnächst erscheinenden Lehmbau-Regeln des Dachverbands Lehm e.V. werden Architekten, Planern und Bauherren mehr Sicherheit bieten und so die weitere Verbreitung des Lehmbaus fördern.

Hugo Houben, Leiter von CRATerre2 in Frankreich, der wohl größten Lehmbauorganisation Europas und einer der bekanntesten europäischen Lehmbauexperten, nannte in einem Interview zwei wichtige strategische Ziele zur Entwicklung des Lehmbaus: 1. die Normierung, 2. Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung. Dieser Forderung ist nichts hinzuzufügen.


Jörg Depta

Anmerkungen

1 wie z.B. das Spielhaus Kollwitzplatz von Felicitas Mossmann
2 CRATerre, Ecole d'Architecture de Grenoble (EAG), Maison Levrat, Rue du Lac, F-38092 Villefontaine. CRATerre veranstaltet Seminare und Intensivkurse; CEAA-Terre: Aufbaustudium Lehmarchitektur.

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