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Gemessen an den Möglichkeiten des Lehmbaus ist seine augenblickliche
Verbreitung und Anwendung in unserer Region bescheiden. Im Bestand
gibt es neben einer großen Zahl von Fachwerkhäusern in den
unterschiedlichsten Stadien des Verfalls auch viele Massivlehmhäuser
aus den verschiedenen Blütezeiten des Massivlehmbaus und Gebäude in
diversen Mischbauweisen, die von außen nicht als Lehmhäuser erkennbar
sind. Nur langsam bildet sich ein Bewußtsein für die Qualitäten der
Lehmbauweise heraus, von der Kenntnis der notwendigen Mitteln zur
sachgerechten Erhaltung ganz zu schweigen. Am besten ist das Wissen
bei den in der Denkmalpflege Tätigen. Aber auch ökologische
Grundeinstellungen sind dem Lehmbau förderlich oder einfach das
Erleben des besonderen Raumklimas von Lehmhäusern.

Dem steht entgegen, daß vor allem die Häuser aus der Aufbauphase nach
dem letzten Krieg vom Raumangebot eher Behelfsbauten sind und historische
Bausubstanz zu DDR-Zeiten - aus welchen Gründen auch immer - vernachlässigt
wurde. Das war "im Westen" anders, wo oft falsche Idylle-Vorstellungen
gepaart mit den Interessen der Baustoffindustrie zu schweren Fehlern bei
der Rekonstruktion führten, Fehler, die jetzt vermieden werden können.
Die Denkmalpflege beziffert die Substanzverluste bei Fachwerkhäusern mit
40-70 % der Holzkonstruktion, 60-100 % der originalen Lehmausfachung,
80-100 % der historischen Fenster und 80-100 % der Innenausstattung wie
Fußböden, Türen usw.

Lehmbau hat in unserer Region folgende Anwendungen, die wir hier kurz
benennen.
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1. Erhaltung des Bestands

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Fachwerkhäuser: |
Denkmalpflege,
Umbau auf modernen Wohnstandard, Innendämmung mit Leichtlehm
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Massivlehmhäuser: |
Denkmalpflege,
Umbau auf modernen Wohnstandard
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Feldsteinscheunen: |
Innendämmung mit
Leichtlehm
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2. Neubau/Umbau

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Innenausbau: |
Dachgeschosse,
Büroetagen
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Ökohäuser: |
Lehminnenwände,
Lehmputz
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Lehmhäuser: |
Lehminnen- und
-außenwände, Lehmputz

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Diese Tabelle ist als Reihenfolge von der Instandsetzung der Fachwerkhäuser
bis zum Neubau/Umbau von oben nach unten zu lesen. Sie zeigt sowohl
Dringlichkeit als auch mögliche Strategien für Betriebsgündungen auf.

Quantitativ läßt sich diese Nachfrage nur schwer beziffern, weil die Mittel
für eine Marktanalyse genauso fehlen wie die für Markteinführung und Werbung.
Das macht eine grundsätzliche Schwäche des Lehmbaus deutlich: er hat keine
(Baustoff-)Lobby. Hier liegen Aufgaben für die in der Region tätigen
Fördervereine. Nötig ist, die Nachfrage- wie die Angebotsseite zu stärken
und beide Seiten zusammenzubringen.

Dies erscheint zwar banal, und man mag einwenden, der Markt werde es schon
richten. Die langjährige Beratungstätigkeit des LehmbauKontors
Berlin/Brandenburg zeigt jedoch das Gegenteil: Es gibt Bauherren, die mit
Lehm bauen möchten, von ihren Planern aber verunsichert werden, Baufirmen,
die auf Wunsch den Deckenputz in Lehm ausführen, aber so schlecht arbeiten,
daß der Architekt nie wieder Lehm anfassen wird. Zudem verzögern
Genehmigungsbehörden aus Unwissenheit ihre Zustimmung.

Noch ist auf allen Seiten die Entscheidung für den Lehmbau mit Mehraufwand
verbunden, der weder durch die Honorarordnung (HOAI) noch in den
Baupreiskatalogen der Fördergeber (B.B.S.M., B.S.M. und S.T.E.R.N.)
berücksichtigt ist. Jedoch wächst die Akzeptanz und die Erfahrung aller
Beteiligten mit jeder Rekonstruktion, mit jedem Neubau und mit jeder
Firmengründung. Die Zahl der kompetenten Planer, der kleinen und größeren
Betriebe, die mit Lehm arbeiten, wächst immer rascher. Eine Aufstellung in
unserer Region ausgeführter Projekte und Verzeichnisse kompetenter Firmen
und Planer finden sich im vorliegenden Buch.

In welchen Größenordnungen ein Erneuerungsbedarf und damit Arbeit
für Lehmbauer allein im Bestand vorhanden ist, zeigt eine einfache
Überschlagsrechnung. Für Berlin und das Land Brandenburg sind 50.000
Lehmhäuser (sowohl Fachwerkhäuser mit Lehmausfachung als auch Massivlehmhäuser)
sicherlich eine untere Schätzung. Eine Grunderneuerung alle 50 Jahre ohne
den aufgelaufenen Erneuerungsbedarf der letzten Jahrzehnte ergäbe Arbeit an
jährlich 1000 Häusern. Eine Bausumme von 100.000 DM und 20 % Lehmarbeiten je
Haus sind ebenfalls eine untere Schätzung. Bei einem Verhältnis von 30 %
Material zu 70 % Lohnkosten ergibt das eine Lohnsumme von 14 Mio. DM jährlich.
Rechnet man 70.000 DM pro Kopf und Jahr bedeutet das Arbeit für rund 200 Lehmbau-Handwerker/-innen.

Weitere mögliche Arbeitsfelder sind in der Tabelle oben erwähnt. Die damit
verbundene Anzahl von Arbeitsplätzen dürfte in einer ähnlichen Größenordnung
liegen. Wie weit es möglich ist, sie zu realisieren, hängt davon ab, ob gebaut
wird, und wenn ja, ob mit Lehm gebaut wird. Die Bautätigkeit hängt i.w. von
der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Die Entscheidung für Lehm aber wird in
dem Maße häufiger fallen, wie die Vorteile seiner Anwendung bekannt werden
und sich die realen Chancen verbessern, ein unter Verwendung von Lehm
errichtetes Gebäude zu sehen und zu erleben, eine fachgerechte Beratung zu
erhalten, einen erfahrenen Lehmbaubetrieb für die Bauausführung zu finden
und ein Bauvorhaben rundum zufriedenstellend abzuschließen.

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Burkhard Rüger

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