KINDERGARTENTAGESSTÄTTE RIESA IN SACHSEN

Fünfzig Kilometer nordöstlich von Dresden, in der Evangelischen Trinitatis Kirchgemeinde Riesa, wurde im Sommer 1997 die integrative Kindertagesstätte fertiggestellt. Sie bietet bei einer Nutzfläche von 724 m² Platz für 92 Kinder. Wir führten die Lehmarbeiten am Neubau der Kindertagesstätte Riesa als Gemeinschaftsprojekt von der Planung bis zur Bauausführung durch und waren bereits in der Vorbereitungsphase beratend tätig.


Zum Entwurfskonzept

Die Architekten legten großen Wert auf eine kindgerechte Planung. Alle eingesetzten Baustoffe wurden nach ökologischen Gesichtspunkten ausgewählt. Der Grundriß teilt sich in zwei unterschiedlich konstruierte Bereiche. Im südlichen Gebäudeteil liegen die vier Gruppenräume mit den dazugehörigen Sanitär- und Abstellräumen. Alle Wände sind als tragendes Holzfachwerk ausgebildet und wurden mit Grünlingen ausgefacht. Im nördlichen Gebäudeteil befinden sich Küche, Kinderwerkstatt und Personalräume. Hier sind alle Wände in Holzrahmenbauweise errichtet. In diesem Bereich wurde auf Lehm als Baustoff gänzlich verzichtet.

Beide Gebäudeteile sind von zwei gegeneinander geneigten Pultdächern überspannt und mit einem Grasdach versehen. Der gesamte Bau öffnet sich zur Sonne, so daß selbst die Nebenräume Tageslicht erhalten. Eine große verglaste Halle trennt beide Gebäudeteile voneinander und wird für Sport, kleine Feste und Veranstaltungen genutzt.

Das Gebäude ist mit einer Solaranlage, kontrollierter Lüftung und einer Regenwasser-Nutzungsanlage ausgestattet. Eine Wandflächenheizung auf den Lehmwänden schafft ein gesundes und angenehmes Raumklima. Alle Dächer und Außenwände wurden mit Zellulose gedämmt.


Entstehungsgeschichte

Grundlage des Projektes bildete ein Wettbewerb zum Bau einer integrativen Kindertagesstätte, an dem sich die Dresdner Architektengemeinschaft Rentzsch und Reiter erfolgreich beteiligte. Mit ihrem Entwurf erhielten sie den Zuschlag für die Entwurfsplanung und Bauleitung. Ein wesentlicher Gedanke der Grundkonzeption war der Einsatz naturbelassener Baustoffe.

Da wir als zwei in der Ausführung von Lehmbauten erfahrene Unternehmen im engen Kontakt mit den genannten Architekten standen, konnten wir bereits in einer sehr frühen Planungsphase über Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes von Lehm beratend tätig werden. Wegen der verhältnismäßig geringen Repräsentation des Materials im Baugeschehen und aufgrund von Vorurteilen ist es nach wie vor nicht unproblematisch, einen Bauherrn von den Vorteilen des Lehms zu überzeugen. So wird Bauen mit Lehm oft mit hohem manuellen Aufwand, geringer Haltbarkeit und als unzeitgemäß abgetan. Die heutigen technischen Möglichkeiten - z.B. Einsatz einer Putzmaschine und Verwendung industriell vorgefertigter Baustoffe - rechtfertigen diese Auffassungen aber nicht mehr.

Auch die Preisgestaltung war ein wesentlicher Faktor für die Entscheidung des Bauherrn. Das zwang uns, trotz vermeintlicher Nachteile im Vergleich mit konventionellen Baustoffen - z.B. schlechtere Infrastruktur im Bereich der Baustoffherstellung, Nachteile wegen technisch bedingter Trocknungszeiten usw. - einen eng gesteckten Kostenrahmen einzuhalten. Ein daraus resultierender Kompromiß bestand darin, daß die Ausmauerung der Gefache mit Grünlingen durch Mitglieder der evangelischen Trinitatisgemeinde in Eigenleistung erfolgte. Daraus ergaben sich jedoch einige Nachteile. Zum Teil ließ die Qualität der Ausmauerung zu wünschen übrig. Durch die Vielzahl der Helfer kam es je nach Wissensstand zu unterschiedlichen Mischungen bei der Mörtelherstellung. Auch der zeitliche Ablauf wurde ungünstig beeinflußt, obwohl wir selbst sehr viel Wert auf einen reibungslosen Bauablauf legten.


Bautechnische Beschreibung

Wandaufbau Außenwände (von innen nach außen):

  1. Lasierender Anstrich mit Marmormehl-Kaseinfarbe,
  2. Lehm Oberputz, i.M. 1,0 cm,
  3. Lehm Unterputz, i.M. 1,5 cm, mit eingebettetem Glasfasergewebe,
  4. Überspannen der Fachwerkkonstruktion mit siebzigstengligen Schilfrohrmatten,
  5. Fachwerk, NH 14/14 cm, 15 % Restfeuchte, unbehandelt,
  6. Ausfachung mit luftgetrockneten Lehmsteinen (Grünlinge), NF, d = 11,5 cm,
  7. Horizontale Lattung 8/14 cm , 15 % Restfeuchte, unbehandelt,
  8. 16,5 cm Zwischenraum mit Zellulosedämmstoff ausgeblasen, 60 kg/m³,
  9. 18 mm Holzweichfaserplatte, bituminiert,
10.  Vertikale Lattung 30/50 cm , e = 50 cm, borsalzimprägniert,
11.  24 mm Stülpschalung, sägerauh, mit Eisenoxidlasur behandelt.

Wandaufbau der Innenwände:

  1. Lasierender Anstrich mit Marmormehl-Kaseinfarbe,
  2. Lehm Oberputz, i.M. 1,0 cm,
  3. Lehm Unterputz, i.M. 1,5 cm, mit eingebettetem Glasfasergewebe,
  4. Partiell Wandheizungssystem aus Polypropylen-Matten, d = 6 mm,
  5. Überspannen der Fachwerk-Konstruktion mit siebzigstengligen Schilfrohrmatten,
  6. Fachwerk, NH 14/14 cm, 15 % Restfeuchte, unbehandelt,
  7. Ausfachung mittels luftgetrockneter Lehmsteine (Grünlinge), 3DF, d = 17,5 cm,
  8. Überspannen der Fachwerk-Konstruktion mit siebzigstengligen Schilfrohrmatten,
  9. Partiell Wandheizungssystem aus Polypropylen-Matten, d = 6 mm,
10.  Lehm Unterputz, i.M.1,5 cm, mit eingebettetem Glasfasergewebe,
11.  Lehm Oberputz, i.M. 1,0 cm,
12.  Lasierender Anstrich mit Marmormehl-Kaseinfarbe.

Holzrahmenbauweise mit Lehmputz und Wandheizung: In der großen verglasten Halle mußte zu den vorhandenen Wandheizungsflächen auf den Lehmwänden zusätzlich eine Wandheizung auf der Holzrahmenkonstruktion installiert werden. Dazu wurde eine 2 cm starke Schilfplatte mit verzinkten Klammern an der aussteifenden OSB-Platte, einer Grobspanplatte, befestigt. Die so geschaffene Wärme-Strahlungsfläche ist wie folgt aufgebaut:

 1. Schilfrohrplatte, 2 cm,
 2. Wandheizungssystem aus Polypropylen-Matten, d = 6 mm,
 3. Lehm Unterputz, i.M. 1,5 cm, mit eingebettetem Glasfasergewebe,
 4. Lehm Oberputz, i.M. 1,0 cm,
 5. Lasierender Anstrich mit Marmormehl-Kaseinfarbe.

Farbige Lehmputze als gestalterisches Mittel

Rechts neben dem Haupteingang beginnt eine geschwungene, mit farbigen Lehmputzen gestaltete Wand. Sie trennt die Sanitärräume von der großen Spielhalle zwischen beiden Gebäudeteilen. Die Farbgebung umfaßt vier verschiedene Gelbtöne, von unten nach oben heller werdend. Zur Abgrenzung der einzelnen Farbtöne wurden 1 x 1 cm starke Holzleisten auf dem Lehm-Grundputz befestigt. Auf diese Weise können die Kinder ihre Bilder befestigen, ohne den Putz zu beschädigen. Der Feinputz wurde aus weißem Kaolin, gemischt-körnigem Sand, Erdpigmenten und groben Strohfasern hergestellt.

Die Installation der Versorgungsmedien: Stromversorgungskabel haben wir auf den Grünlingen angebracht und in die später aufgebrachten Putzschichten integriert. Sämtliche Verteiler- und Schalterdosen wurden konventionell in die Grünlinge eingelassen und befestigt. Heizungs- und Wasserrohre sind im Fachwerk eingebaut und mit Grünlingen ummauert.

Schutz stoßgefährdeter Kanten: Nachdem der Unterputz aufgebracht und getrocknet war, wurden speziell angefertigte Abdeckbretter für freie Wandabschlüsse und Eckleisten zum Schutz stoßgefährdeter Kanten befestigt. Der Deckputz überdeckt die Befestigungswinkel und schließt an die Hölzer an.

Die Sanitärräume: Im Sanitärbereich wurde ein Sockel von 1,8 m umlaufend gefliest, der darüberliegende Teil zweilagig mit Lehm verputzt. Ein ursprünglich geplanter, großzügiger Lehmbereich scheiterte leider am Widerstand der späteren Nutzer. Denn gerade hier wäre eine größere Lehmfläche wünschenswert gewesen, da die im Inneren des Gebäudes liegenden und ausschließlich zwangsbelüfteten Räume keine Außenfenster besitzen.

Das Energiekonzept: Der Wärmebedarf beträgt 42 kW, die Heizzentrale ist mit einem Gasbrennwertkessel ausgestattet. Der sommerlichen Warmwasserbereitung dienen dachaufgeständerte Flachkollektoren mit 12 m² Absorberfläche. Die Zuluft für die Gruppenräume wird über eine Solar-Luftkollektoranlage vorgewärmt in die Räume eingeblasen. Zu jedem Raum gehört ein 5 m² dachaufgeständerter Luftkollektor. Reicht die Temperatur nicht aus, erfolgt eine Nacherwärmung durch die Heizungsanlage mit einem Wasser-Luft-Wärmetauscher. Bei einem Luftvolumenstrom von 300 m³/h erhalten 15 bis 20 Kinder die notwendige Frischluftversorgung. Dementsprechend kleiner fiel die Dimensionierung der Wandheizflächen aus. Die bedarfsabhängig Regelung erfolgt über Luftgütefühler im Raum. Durch die Luftkollektoren werden circa 12.000 kWh/Jahr Wärme zur Verfügung gestellt, was rund 70 % des Lüftungswärmebedarfs der Gruppenräume entspricht.

Der Dachaufbau: Die Wärmeisolation erfolgte als Vollsparrendämmung in einer Stärke von 32 cm mittels Zellulosedämmstoff. Auf der Unterseite ist senkrecht zur Sparrenlage eine 40/60 mm Konterlattung angebracht und mit OSB-Platten verkleidet. Die Dachbegrünung erfolgte extensiv, u.a. mit Sedumpflanzen und Karthäusernelken.

Die gesamte Konstruktion wurde auf Winddichtigkeit und Kältebrücken geprüft. Nach dem ersten Test (Blower-Door-Test bzw. Infrarot-Aufnahmen) mußten einige Fehlstellen im Bereich der Dämmung beseitigt werden. Im zweiten Anlauf wurden alle vorgegebenen Werte unterschritten.

Bei der Errichtung des Gebäudes wurden vielfältige, auf dem heutigen Wissensstand basierende Erkenntnisse des ökologischen Bauens umgesetzt. Das Ergebnis ist unserer Meinung nach ein gelungenes Beispiel für den Neubau eines öffentlichen Gebäudes unter teilweiser Verwendung von Lehm. Er paßt sich gut in das angestrebte Gesamtkonzept ein und wurde, wo es sinnvoll ist, als Baustoff eingesetzt.


Daten zum Bau

Bauherr: Evangelische Trinitatis Kirchgemeinde Riesa-Altstadt
Fertigstellung 1997
Kapazität: 92 Kindergartenplätze, davon 20 Hortplätze
Nutzfläche: 724 m²
Bausumme: 1,9 Mio. DM
Baukosten/Fläche: 2620 DM/m²

Manfred Fahnert, Uwe Wirthwein

letzte Seite Inhalt nächster Beitrag  nächste Seite