REIHENHAUSSIEDLUNG LANDHOF SCHÖNEICHE

Selbsthilfe im Lehmbau


Wer wir sind, was wir machen


Ein lohnendes Ausflugsziel für Lehmbauinteressierte ist der am Rande Berlin-Köpenicks, aber bereits im Land Brandenburg gelegene Landhof Schöneiche. Dort entstand eine ökologische Reihenhaussiedlung, in der heute 13 Familien mit 39 Kindern wohnen. Die erste Idee dazu entstand im Frühsommer 1991, als sich drei Familien spontan zusammenfanden, um sich ihren Wunschtraum von einer schönen und preiswerten Wohnmöglichkeit durch Selbsthilfe zu erfüllen. Auslöser war der Verlust der lange Jahre bewohnten Wohnungen infolge Rückführungsansprüchen der Alteigentümer. Von einem Artikel über eine ökologische Siedlung in Bielefeld abgeregt, sprachen wir andere betroffene Nachbarn an und fuhren im November 1991 nach Ostwestfalen. Zu diesem Zeitpunkt waren es bereits sechs Familien, die sich nicht nur mit Bauplänen befaßten, sondern erste Anregungen mit nach Haus nahmen einschließlich Hinweisen auf Fördermittel, Mischfinanzierung, Gesellschaft bürgerlichen Rechts, Teilungserklärung usw.

Der Abschluß eines Erbbaurechtsvertrages mit der Kirchgemeinde Schöneiche, die uns von Anfang an unterstützte, und die Bewilligung von Fördermitteln für den sozialen Wohnungsbau über das Land Brandenburg ließen unsere Pläne allmählich Wirklichkeit werden. Wir verteilten die Aufgaben unter den 13 Familien, traten gemeinsam bei Behörden auf, immer die Fotos unserer Kinder dabei, und da wir mit der Bauplanung auch freundschaftliche Beziehungen aufbauten, räumten wir Schwierigkeiten gemeinsam aus dem Weg.

Baubeginn war Juni 1994. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Projekt mit ökologischem Anstrich zu einem anspruchsvollen Projekt mit ökologischem Inhalt gewandelt. Unsere Diskussion rankte sich um die schönsten "Öko-Fertigteilhäuser" und endete schließlich beim Holzständerbau mit Zellulosedämmung und Lehminnenschale, bei Grasdächern, einer Trockentoilette und einer Pflanzenkläranlage.

Glücklicherweise stand uns seit dem Sommer 1992 das Architekturbüro Schmidtmann/Gölling bei der Projektentwicklung mit Rat und Tat zur Seite. Wöchentliche "Baugruppensitzungen" mit einem Vertreter des Architekturbüros führten zu einer intensiven Mitbestimmung der Bauherren. Zwar war das für beide Seiten kein einfacher Weg, doch hatten wir ihn selbst gewählt und würden es aus heutiger Sicht wieder tun. Für Spielraum sorgte ein Modulsystem im Ständerbau, so daß individuelle Grundrisse der einzelnen Häuser in intensiver Zusammenarbeit der Bauherren mit dem Architekturbüro entstanden.


Modell für Selbsthilfe

Mit Bewilligung der Förderung im 1. Förderweg für 12 Familien erfolgte die Anerkennung unseres Vorhabens als Modellprojekt durch das Bundesbauministerium innerhalb des "Programms organisierte Gruppenselbsthilfe im Eigenheimbau". Bisher hatten wir uns selbst geholfen und von vielen Seiten Unterstützung erfahren. Unsere Motivation und die Lust, nun endlich richtig anzupacken, war so gewachsen, daß unsere erste Aktion, die Eingrenzung der Baustelle mit Holz aus dem nahegelegenen Kirchenwald, für Kinder und Erwachsene zum Erlebnis wurde. Die Fahrt mit dem Traktor wurde zur schönsten Kutschfahrt, das Picknick zum Festessen. Wir sägten, hämmerten, gruben, freuten uns gemeinsam - und bald war alles fertig.

Als Bauherren krempelten wir auch bei den folgenden Tätigkeiten die Ärmel hoch, packten zu beim Vermessen, bei den Erdarbeiten, beim Gießen der Bodenplatte, Verschalen, Betonieren, Mauern von Fundamenten und Kellerwänden für den Kompostbehälter, bei der Deckenschalung oder beim Herstellen von Bewehrung. Dabei entdeckten wir an uns ungeahnte Fähigkeiten und brachten es bei gegenseitiger Anleitung zu guten Ergebnissen. Bauherren und Helfer arbeiteten stets Hand in Hand, bauten das Gerüst und brachten Holzweichfaserplatten an der Fassade für Dämmung und Wetterschutz während der Bauphase an. Muskelkraft war bei Erdarbeiten und Straßenbau gefragt, besondere Sorgfalt beim Einbringen der Zellulose oder beim Verstopfen von Fugen um Fenster und Türen mit Kokos- und Jutematerial.

Obwohl wir nach abgestimmten Terminen in unserer Freizeit bauten, war es nicht nötig, Stunden zu schreiben. Am gemeinsamen Mittagstisch - anfänglich vorwiegend von den Frauen angerichtet, aber mit deren wachsender Baukompetenz übernahmen dies auch Männer - wurde geplaudert, geplant und ausgeruht. In der Kaffeepause ging es wieder gemütlich zu, und auch abends saßen wir oft zusammen, umringt von unseren Kindern, die an den Wochenenden mithelfen durften.

Auch beim Innenausbau führten die künftigen Hausbesitzer verschiedene Arbeiten sämtlicher Gewerke aus. Familien mit geringer handwerklicher Erfahrung übernahmen Fußbodenaufbau, Deckenschüttung, Fußbodenverlegearbeiten, das Einziehen von Trockenwänden, Malerarbeiten und die Deckenverschalung als Eigenleistung. Zwei Familien mauerten nach anfänglicher Anleitung die Lehminnenschale ihres Hauses mit Lehmsteinen, was auch ohne vorherige Erfahrung gut gelang. Ebenso ging das Verputzen bei intensiver Anleitung gut von der Hand. Unser Interesse und die gegenseitige Hilfe machten uns Mut, die kreativen Möglichkeiten des Baustoffs regten uns an. Wir gestalteten Wände, arbeiteten Ornamente ein, bearbeiteten Säulen und Fensterlaibungen und stellten farbige Schlämmputze her.

Beim Küchenbau wurden Maurerarbeiten geleistet und für zwei Häuser Lehmöfen kreiert - aus Kostengründen sollen sie in weitere Räumen erst später eingebaut werden. Beim Umgang mit Lehm spielt der Zeitfaktor und damit die Koordinierung der Gewerke eine wesentliche Rolle. Eigenleistungen schließen finanzielle Lücken, sollten aber in den Bauablauf mit realistischem, ökonomisch bedachten Zeitaufwand eingeplant werden, um nachfolgende Gewerke nicht zu behindern und damit wieder Kosten zu erzeugen.

Rückblickend können wir stolz sein. Eine Siedlung, die dem Ortsnamen Schöneiche alle Ehre macht, wurde durch intensive Zusammenarbeit zwischen Architekten und Bauherren Wirklichkeit. Für das Frühjahr 1995 nahmen wir uns die Außenanlagen vor, ebenso den Bau von Kinderspielgeräten und das Aufstellen eines Backofens. Zudem ist eine Sauna und ein Gemeinschaftsraum geplant.


Kurzbeschreibung

13 Familien mit 36 Kindern entwickeln in drei Jahren gemeinsam mit ihren Architekten ein ökologisches Konzept für eine Wohnsiedlung, das folgende Kriterien berücksichtigt: Baukörper als Solarenergiefalle sowie Holzständerbau mit Lehminnenschale; Lehmsteine und Lehmputz speichern Energie und sorgen für ein gutes Raumklima

Bauherrengruppe: Landhof GbR, 15566 Schöneiche

Soziales Konzept: Durch gemeinsames Planen und Bauen werden Wohnraumprobleme gelöst, Förderung des Bauvorhabens im sozialen Wohnungsbau (1. Förderweg), Anerkennung als Modellvorhaben "Organisierte Gruppenselbsthilfe" des Bundesbauministeriums.

Niedrigenergiestandard: 14 cm Zellulosedämmung als baubiologisch unbedenkliches Isoliermaterial

Brennwerttechnik: Gastherme je Wohnung mit individueller Steuerung und Verantwortung. Zusätzliche Grundöfen als Option.

Entsorgungskonzept: Clivus multrum (Trockentoilette) und eine Wurzelkläranlage zur Grauwasserreinigung

Architekten: Schmidtmann und Gölling, Püttbergeweg 144, 12589 Berlin-Rahnsdorf, Telefon und Telefax: 030/648 99 84

Statik: Ingenieurbüro Kruse, Colbestr. 2, 10247 Berlin, Telefon und Telefax: 030/291 83 53

Zimmerei: D. Pfeffer, Triftstr. 1, 16247 Joachimstal, Telefon (Fax): 033361/8606 (8608)

Lehmbau: KirchBauhof gGmbH, Forster Str. 5, 10999 Berlin, Telefon: 030/61 77 62 0; Lehmhaus GbR, Lettestr. 7, 10437 Berlin, Telefon und Telefax: 030/445 76 12; SMB Baugestaltungs-GmbH, 30926 Seelze, Am Sande 6, Telefon: 0511/48 62

Lehmbauanleitung zur Selbsthilfe: Chaos Bau, 15306 Alt Rosenthal, Telefon: 0177/23 38 726.

Lehmofen: Henning Rösener, Am Berlin Museum 23, 10969 Berlin. Telefon: 030/251 52 12.

Dämmen: Isofloc Fachbetrieb Woweries, Lindenstraße 43, 15366 Neuenhagen, Telefon: 03342/20 25 73

Bepflanzung: Extensive Dachbegrünung und Grundstücksanlage mit einheimischen Pflanzen

Selbsthilfe: hoher wohnungsübergreifender Selbsthilfeanteil (über 20 %); der Umfang wurde von den Bauherren bestimmt

Kosten: 2500 bis 2700 DM/m2 Wohnfläche; Selbsthilfe als Firmenleistung gerechnet.



Bettina Kaminski

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