LEHMBAU IN DER DENKMALPFLEGE
"Es giebt Dinge in der Welt, die so einfach und einleuchtend sind, daß man nicht begreifen kann, wie 20 bis 30 Jahre erfordert werden, ehe sie erst nur anfangen, sich in der Wirklichkeit Bahn zu brechen!"

Wilhelm Jacob Wimpf, 1836


Die Lehmhaus GbR wurde 1993 gegründet und verfügt unter anderem über spezielle Erfahrungen im Bereich der Denkmalpflege. Sie folgt in ihrer Arbeit dem vorangestellten Leitspruch des Architekten und Lehmbaumeisters W. J. Wimpf und übernimmt Beratung, Bauplanung und Lehmbauarbeiten in den Bereichen Neubau, Denkmalpflege, Sanierung und Innenausbau. Die Lehmbauberatung erreicht Bauherren, Architekten und Bauplaner, die Planung von Lehmbauarbeiten umfaßt bauphysikalische Nachweise und Genehmigungsverfahren. Grundsatz unserer Firmenphilosophie ist es, die Vorzüge des Baustoffes Lehm sowohl bei der Anwendung historischer Techniken als auch modernster Neubautechnologien zu zeigen.

Aus der örtlichen Verteilung der Baustellen im ganzen Land Brandenburg - sie liegen zumeist 80 bis 100 km von unseren Wohnorten Berlin, Potsdam und Leipzig entfernt - ergibt sich als Schwierigkeit ein Leben auf der Baustelle, weg von zu Hause und von der Familie. Das ist trotz intensiver Auseinandersetzung mit der Arbeit und interessanter Projekte nur schwer zu verkraften. Wir hoffen deshalb auf eine kräftige Ausweitung der Lehmbauaufträge, damit mehr Firmen in einem engeren Einzugsgebiet tätig werden können.

Als Beispiele für unsere Lehmbauaktivitäten stelle ich im folgenden einige Denkmalpflege-Bauvorhaben vor, die von Lehmhaus im Land Brandenburg realisiert wurden. Dabei werde ich zugleich die Entwicklung unserer Firma skizzieren.


Baustellen im Bereich der Denkmalpflege

Ein sehr eindrucksvolles Denkmalpflegeprojekt war die Rekonstruktion eines Mantelschornsteins in einem Wohnhaus in Neuentempel, 80 km östlich von Berlin. Dieser Schornstein ragt über einer Schwarzen Küche empor und dient als Rauchabzug der offenen Feuerstelle im zentralen Bereich des Hauses. Er beginnt an den Mauern der Schwarzen Küche (etwa 3 x 3 m) und verjüngt sich bis zum Austritt auf dem Dach auf einen Querschnitt von ca. 0,9 x 0,9 m.

Nutzung: In dem Haus wohnten bis zu vier Familien in jeweils einem Zimmer und einer Kammer. Die Erschließung erfolgte zentral über die zwei Eingangsbereiche. Gekocht wurde in der Küche, die im wahrsten Sinne des Wortes vom Ruß des offenen Feuers geschwärzt war. Jedes Zimmer war mit einem Leuchtkamin ausgestattet, also einem offenen Kamin in der Wand, der seinen Rauch ebenfalls über den Mantelschornstein führte.

Sanierung: Der Zustand des Originalschornsteins war sehr desolat. Vor allem an den Ecken waren die Lehmsteine teilweise vollständig durchgerissen, so daß der Schornstein eine Gefahr für die Bewohner darstellte. Wir haben deshalb seine äußere Form aufgemessen, soweit erforderlich abgetragen und anschließend in 11,5 cm Massivlehmmauerwerk mit Lehmmörtel rekonstruiert.

Materialeinsatz: Die Lehmsteine aus dem Abriß waren völlig versottet und deshalb nicht wieder verwendbar. Der Bauherr wollte sie nicht einmal auf seinem Kompost sehen. Wir entschieden uns für Massivlehmsteine aus Groß Schönebeck, die mit einer aus Glücksburg geliehenen Handpresse im Rahmen eines ABM-Projekts in sehr guter Qualität hergestellt wurden. Lehm für den Mörtel bezogen wir von einer 1 km von der Baustelle entfernten Tiefbaustelle, den Sand aus einem 3 km von der Baustelle gelegenen Mörtelwerk. Der Grubenlehm wurde eingesumpft, mit einem Rührwerk zu dicker Schlämme aufgeschlossen und anschließend im Freifallmischer mit Sand zu Mörtel verarbeitet.

Besonderheiten: Um den statischen Anforderungen der Lehmkonstruktion zu genügen, waren einige Besonderheiten zu beachten. Da Lehm nur in sehr geringem Maße in der Lage ist, Biegezug aufzunehmen, mußten die Schornsteinwände nach außen gewölbt werden. Um die Kräfteverteilung innerhalb einer Steinlage so gut wie möglich auszugleichen, mußten die Ecken jeweils höher gezogen werden, so daß jede Seite einen Schwung erhielt. Die Verjüngung des Mantelschornsteins wurde erreicht, indem auch die einzelnen Steinlagen wie bei einem Gewölbe gemauert wurden. Nur ein auf diese Weise ausgeglichenes Bauwerk ist in der Lage, auftretende Kräfte an die Unterkonstruktion abzuleiten. Anderenfalls treten Risse auf, und es kommt zur Einsturzgefahr wie am Originalschornstein.

Da Lehm seine ohnehin geringe Biegezugfestigkeit unter dem Einfluß von Wasser völlig verliert, mußte beim Verputzen des Schornsteins äußerst besonnen vorgegangen werden. Wir ließen eine dünne Lage Unterputz völlig austrocknen, bevor der Oberputz aufgetragen wurde.

Ein anderes Problem ergab sich aus bauphysikalischer Sicht durch die veränderten Wohnansprüche, denn ein Mantelschornstein ist eine offene Verbindung vom Innenraum zum Außenbereich. Es ist zwar sehr romantisch, an lauen Abenden in der Schwarzen Küche zu sitzen und den Sternenhimmel zu beobachten, weniger erfreulich ist dies jedoch bei Außentemperaturen unter dem Gefrierpunkt, die dann schnell zu Innentemperaturen werden. Auch Regen und Schnee konnten ungehindert durch den Schornstein in den Innenraum gelangen. Diese Probleme sind mit geeigneten Konstruktionen lösbar, und zwar so, daß die Funktionsfähigkeit des Mantelschornsteins nicht gefährdet wird.

Früher blieben Dachböden meist ungenutzt oder sie dienten als Lagerflächen, was auch bei diesem Projekt der Fall war. Da die Bauherren den Dachraum zu Wohnzwecken ausbauen wollten, nahm der Mantelschornstein im zentralen Bereich des Dachbodens viel Raum weg, so daß nur wenig Platz blieb, um an ihm vorbeizugelangen. In diesem hohen Raumbedarf der Mantelschornsteine liegt der Grund, weshalb es heute nur noch sehr wenige funktionstüchtige Schornsteine dieser Art gibt. Dennoch lohnt es sich, daß phantastische Raumgefühl zu erleben, daß eine Schwarze Küche mit Mantelschornstein bietet.


Wohn- und Geschäftshaus Jägerstraße 36 in Potsdam

Ein anderes Beispiel für den Einsatz von Lehm in der Denkmalpflege ist das Haus Jägerstraße 36 in Potsdam, ein während der zweiten barocken Stadterweiterung unter Friedrich Wilhelm I. von Bauhandwerkern und Soldaten aus ganz Europa errichtetes Gebäude. Der damalige Bauablauf vollzog sich äußerst präzise; Gewerke waren militärisch streng als Bataillone organisiert. Das Erdgeschoß wurde als Mauerwerk mit gebrannten Steinen ausgebildet, das Obergeschoß als Fachwerk mit Ausfachung, ebenfalls aus gebrannten Steinen. Im Dachgeschoß war lediglich eine Kammer für die "langen Kerls" ausgebaut, bestehend aus Fachwerk mit Lehmausfachung. Die Zwischenwände bestehen aus Fachwerk mit Lehmausfachung und Lehmputz.

Sanierung: Zur Restaurierung und Anpassung an heutige Anforderungen (Wohn- und Geschäftsräume) stampften wir im Obergeschoß und dem nun ausgebauten Dachgeschoß vor die Außenwände eine Innenschale aus mineralischem Leichtlehm von ca. 14-17 cm. Die historischen Lehmwickeldecken, die in zwei Räumen der Holzbalkensanierung hatten weichen müssen, wurden in historischer Technik rekonstruiert, wobei vorhandene Staken soweit wie möglich wiederverwendet wurden. Wegen vorhandener Pilzsporen wurde das originale Strohlehmgemisch nicht wieder verwendet, um der Gefahr von Neubefall und Fäulnis vorzubeugen. Bleibende Innenwände wurden überarbeitetet und repariert. Alle Lehmwände und -decken erhielten einen Lehmputz mit Kalk-Kasein-Grundierung für spätere Kalkanstriche.

Besonderheiten: Bemerkenswert war die Arbeit der Zimmerleute an der Decke des Erdgeschosses. Die Deckengefache wurden abgestützt, ein beschädigter Balken aus dem Haus gezogen und auf demselben Weg durch einen neuen gleicher Abmessung ersetzt. Dadurch blieben die Originalgefache erhalten. Unsere Aufgabe bestand hier darin, den Balken mit historischen Putzträgern - Langstroh, gehalten von kleinen Holzspließen - zu überspannen, den Lehmunterputz zu ergänzen und einen Lehmoberputz über die gesamte Decke zu ziehen.

Dieses 1993/94 realisierte Projekt war eine Winterbaustelle. Wir entschieden uns deshalb für eine Innenschale aus mineralischem Leichtlehm. Um der Gefahr von Hausschwammbefall als Folge langanhaltender, hoher Baufeuchtigkeit vorzubeugen, wurden Raumentfeuchter aufgestellt.

Als problematisch erwies sich das innerstädtische Bauen, denn wir verwendeten mit Estrich- und Mörtelpumpe Maschinen, die nicht als leise bezeichnet werden können. Die Baustelleneinrichtung erforderte eine genaue Planung, da für alle Gewerke nur die halbe Straßenseite vor dem Haus zur Verfügung stand.

Materialeinsatz: Als Material kam Grubenlehm aus Glindow bei Potsdam zum Einsatz. Für den mineralischen Zuschlagsstoff wurde aus Thüringen Blähschiefer bezogen, der durch seine Scharfkantigkeit der Wand zusätzlich Stabilität verleiht. Stroh und Langstroh für Wickel kamen aus Dörfern in der Umgebung von Potsdam.

Maschineneinsatz: Zum Mischen und für den Transport der Leichtlehmmasse kam eine Estrichpumpe zum Einsatz, die nicht reibungslos funktionierte. Zur Herstellung der Lehmmasse für die Strohlehmwickel wurde ein Estromat verwendet, eine kleine Maschine mit Schneckenmischgang. Beide Maschinen hatten Probleme mit der Verarbeitung des nicht steinfreien Grubenlehms. Steine können zur Beschädigung und zum Ausfall der Maschine führen. Ober- und Unterputz wurden mit der Hand aufgetragen.


Technisches Denkmal Glashütte

Glashütte ist ein kleiner, verträumter Ort bei Baruth, südlich von Berlin. Dort kann man noch heute eine Attraktion aus vergangenen Zeiten erleben, wie eine Beschreibung des heutigen Orts zu Recht hervorhebt: "Zurückgezogen im Wald überdauerte dieses in Europa einzigartige Denkmal die Jahrhunderte, Kriege und gesellschaftlichen Veränderungen. Zeugnis brandenburgischen Fleißes und Erfindertumes, Sinnbild des manchmal auch widersprüchlichen Zusammenspiels von Mensch und Natur. Glashütte läßt sich nicht beschreiben, man muß es mit eigenen Augen gesehen und vor Ort erlebt haben. Glashütte ist wie ein Spiegel, wie ein Kuß der Vergangenheit und bietet zugleich noch Ruhe, Natur und Erholung."

Glashütte wurde 1716 als Hütte und Dorf durch den Grafen Friedrich Sigesmund zu Solms-Baruth zur Tafel- und Hohlglasherstellung errichtet. Als 1830 in Glashütte das seinerzeit beste und reinste Milchglas erfunden wurde, verhalf das dem Ort zu einem ungeahnten Aufschwung. Eine neue große Hütte mit Nebengebäuden und Wohnhäusern entstand 1861. Nach Errichtung des ersten Siemens-Gas-Generators auf deutschem Boden in Glashütte konnte das bis dahin verwendete Holz durch Kohle ersetzt und Energie gespart werden. Erst 1980 wurde die Hütte stillgelegt, und zwar so plötzlich, daß 27 t Glas im Ofen zu einem Block erstarrten.

In der Blütezeit von Glashütte waren 220 Einwohner als Glasbläser, Forstarbeiter, Töpfer, Lederverarbeiter und Huthersteller beschäftigt. Eine Schule und eine Kantine ergänzten die Infrastruktur. In jüngster Zeit versuchten der Verein Glashütte e.V. und die Grafschaft Solms-Baruth, den Ort zu retten und als Denkmal zu erhalten. Nach einer Bestandsaufnahme wurden die Sicherungsarbeiten im Bereich des technischen Denkmals durchgeführt und eine ständige Ausstellung zur Ortsgeschichte eingerichtet. Ebenso wurde das Forstarbeiterhaus rekonstruiert und modernisiert sowie eine Glasbläserei und Töpferei eröffnet. Demnächst soll auch die Glasschleiferei rekonstruiert werden.

Von uns wurden im Forstarbeiterhaus die offenen Deckengefache nach der Balkenkopfsanierung in historischer Technik ergänzt. In der Hütte von 1861 waren in den Seitenbereichen die Deckenfelder komplett mit Strohlehmstaken zu schließen. Während dieser Arbeiten konnten wir im verträumten Glashütte die erholsame Abgeschiedenheit des Ortes genießen. Die originalen Staken waren größtenteils noch vorhanden und wiederverwendbar. Nur ein kleiner Teil wurde von uns durch neue, handgespaltene Staken ersetzt. Die Decken wurden nach vollständiger Trocknung mit Lehmputz versehen. Während eines späteren Bauabschnitts wurden im Forstarbeiterhaus Wände und Decken mit Lehmputzen ausgeführt sowie alte Gefache repariert und überarbeitet.

Besonderheiten: Infolge des Bauablaufs fielen die Putzarbeiten im Forstarbeiterhaus in die Wintermonate 1995/96, die kalt und frostig waren. Um weiterarbeiten zu können, lief die neu eingebaute Heizung Tag und Nacht. Ebenso mußte für den Mischplatz eine Behausung eingerichtet und rund um die Uhr elektrisch beheizt werden, was wenig sinnvoll war, erhebliche Mehrkosten verursachte und eine Gratwanderung zwischen Nutzen durch rechtzeitige Vermietung und Mehraufwand darstellte.

Materialeinsatz: Sand und Grubenlehm für die Lehmwickel wurden von einem Baruther Transportunternehmen bezogen. Lehm für die Putze kam aufbereitet als trockenes Lehmpulver aus einer Ziegelei bei Meißen, denn trockenes Lehmpulver friert nicht durch und kann deshalb auf einer Winterbaustelle verarbeitet werden. Das Holz für die fehlenden Staken wurde von uns in Absprache mit dem Förster im nahegelegenen Wald geschlagen.

Um bei geringem Transportaufwand effektiv arbeiten zu können, wurden Putzmaschinen eingesetzt. Die Putze wurden mit einem Putzknecht ausgeführt. Am Mischplatz wurde der Lehmputz gemischt, mittels Maschine an die Wand gespritzt, per Hand abgezogen und gerieben. Stakdecken in historischer Technik blieben pure Handarbeit am Einbauort. Für den Transport der Strohlehmmasse sorgte ein gemietetes Förderband, zur Herstellung der pastösen Lehmmasse für die Strohlehmwickel wurde wiederum ein Estromat eingesetzt sowie unser Zwangsmischer.


Die Grunower Kirche

Die Kirche in Grunow ist eine Fachwerkkirche, bei der das Fachwerk auch außen sichtbar ist. Die Ausfachung besteht aus Ziegeln. Unsere Lehmarbeiten fielen auf die frostigen November- und Dezemberwochen 1994. Da die Pfarrerin wenigstens einen provisorischen Weihnachtsgottesdienst in der Kirche abhalten wollte, war Eile geboten.

Sanierung: Die Kirche erhielt 1994/95 einen neuen Leichtlehmschlag balkenbündig auf die Wandgefache. Das Fachwerk selbst blieb außen wie innen sichtbar. Der Abstand zwischen Ziegelausfachung und Fachwerkinnenkante betrug 4 - 6 cm. Dieser Raum wurde mit Holzleichtlehm einer Dichte von ca. 700 kg/m3 geschlossen. Den oberen Abschluß bildete ein dünner Oberputz aus Lehm.

Besonderheiten: Da die nächtlichen Kältegrade während der Bauzeit beträchtlich unter Null lagen, wurde die Kirche mit Warmluft beheizt, so daß die Innentemperaturen nicht unter den Gefrierpunkt sanken. Um Anmachwasser zu sparen, eine stärkere Schimmelbildung und ein Kompostieren zu verhindern, wurde dem Holzleichtlehm Kuhdung beigemischt. Als bedenklich empfanden wir die Anforderung des Architekten, der eine sehr grob ausgeführte Oberflächenstruktur wünschte. Alle Kellenansätze sollten sichtbar bleiben, was uns aufgrund unserer ästhetischen Vorstellungen nicht leicht fiel. Allerdings konnten wir das Resultat mit seinem leichten Spiel von Licht und Schatten dann überraschenderweise doch akzeptieren.

Materialeinsatz: Holzhackschnitzel wurden in Grunow erworben, Sand und Lehm in Niederlehne, Stroh und Kuhdung im nächstgelegenen landwirtschaftlichen Betrieb. Die Herstellung des Leichtlehmgemisches erfolgte im Zwangsmischer, das Auftragen und Abziehen per Hand.


Wohnhaus in Kienitz

Kienitz ist ein Ort im Oderbruch und liegt direkt am Oderdeich. Glücklicherweise blieb das Bruch 1997 vom großen Hochwasser verschont, dem 250. Jahr der Trockenlegung des Gebietes. Nicht weit vom Deich befindet sich an einer Straßenkreuzung ein Wohnhaus, das jahrelang unbewohnt war und saniert werden sollte. Es handelte sich um ein Fachwerkhaus, wobei der Südteil nach Kriegsbeschädigung mit massivem Mauerwerk ersetzt bzw. ergänzt wurde. Die Ausfachung erfolgte mit Ziegeln in Sichtmauerwerk.

Die Bauherrin wünschte, bei der Rekonstruktion möglichst viel Lehm einzusetzen. Wir erhielten die ausdrückliche Erlaubnis, Wände und Decken als Experimentierflächen zu nutzen. Bei der Baustellenbesichtigung stellten wir allerdings so gravierende Schäden an der Holzkonstruktion fest, daß wir zunächst unverrichteter Dinge wieder abzogen. Nach der Fachwerksanierung wurden die Außenwände an den Innenseiten mit Leichtlehm gedämmt, die Südseite mit einer schwereren, die Nordseite dagegen mit der leichtesten Mischung. Die bauphysikalischen Nachweise wurden erbracht.

Von den Decken wurde der ganzflächige Putz entfernt; Anschlüsse und Fehlstellen wurden repariert. Über die Gefache wurden weiße Lehmputze gezogen, im Bereich komplett zu ersetzender Deckenfelder eine Dämmschüttung aus Holzleichtlehm eingebracht, die Decke zum ungenutzten Dachboden mit Schilfrohrmatten gedämmt.

Der uns großzügig überlassene Freiraum bei der Ausführung von Putzarbeiten führte zu erstaunlichen Ergebnissen, denn jeder von uns hatte hier die Möglichkeit, Techniken auszuprobieren, die ihn schon lange reizten. Es entstanden farbige Lehmputze mit sehr schönen Anschlußdetails im Fensterbereich. Allerdings gelangen Versuche, mit der Putzmaschine akzeptable Resultate ohne jedes weitere Abziehen des Putzes zu erzielen, letztlich nur durch die schön gelösten Leibungsanschlüsse. Arbeiten mit eingedrückten und aufgesetzten Gräsern, farbige Schlämmputze und herausgeschnittene Muster im Oberputz ergänzten diese Versuche. Experimentierlust und die Freude an der Arbeit bewirkten, daß sämtliche Wände bearbeitet wurden und am Ende alle Beteiligten überrascht waren, daß weitaus mehr realisiert wurde, als ursprünglich beabsichtigt.

Materialeinsatz: Wie immer wurde versucht, Baumaterialien aus der unmittelbaren Umgebung zu verwenden. Stroh, Sand und Lehm für Schüttungen sowie Kuhdung kamen aus der direkten Nachbarschaft, Lehm für Putze wegen der gewünschten Farbigkeit jedoch aus unterschiedlichen Quellen. Weißer Ton wurde beispielsweise aus der Ziegelei in Glindow bezogen. Für alle Arbeiten wurden Zwangsmischer und Putzknecht eingesetzt.


Schul- und Bethaus in Wuschewier

Wuschewier liegt ebenfalls im Oderbruch und hat als evangelischen Gemeinderaum ein sehr schönes, kirchenähnliches Gebäude aus dem Jahre 1764. Hier werden noch heute Gottesdienste für die Einwohner von Wuschewier und der Nachbargemeinden durchgeführt.

Das Gebäude mit einer Fachwerkkonstruktion mit Lehmausfachung wurde in den letzten beiden Jahren generalinstandgesetzt, die gesamte Holzkonstruktion überprüft. Ersetzt wurden schadhafte Hölzer, das Dach wurde neu eingedeckt und neue Fenster eingesetzt. Der Sanierung zum Opfer gefallene Gefache wurden in historischer Technik rekonstruiert, zu ersetzende Ausfachungen originalgetreu wiederhergestellt. An der baulichen Hülle des Gebäudes erfolgte keine Modernisierung, ebensowenig eine zusätzliche Wärmedämmung. Jedoch wurden die Fenster mit Isolierglas versehen und eine Heizung eingebaut.

Zu erhaltende Gefache wurden repariert und überarbeitet, d.h., wie ursprünglich als Staken mit Strohlehmwickeln und einem Strohlehmschlag balkenbündig ausgebildet. Decken und Wände erhielten einen Lehmputz mit Kalk-Kasein-Grundierung für spätere Anstriche.

Besonderheiten: Durch die Anwendung historischer Techniken war unsere Leistung sehr arbeitsintensiv; alles wurde in Handarbeit ausgeführt.

Materialeinsatz: Lehm, Sand und Stroh kamen aus der direkten Umgebung, an Maschinen wurden lediglich ein Zwangsmischer zum Mischen der Lehmmasse für Strohlehmwickel und Putze eingesetzt.


Simone Haase

Anmerkungen

1 Wilhelm Jacob Wimpf: Der Pisé-Bau, oder vollständige Anweisung äußerst wohlfeile, dauerhafte, warme und feuerfeste Wohnungen aus bloser gestampfter Erde, Pisé-Bau genannt, zu erbauen. 1836

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