LEHM ALS BAUMATERIAL AN DENKMALEN IM LAND BRANDENBURG

Wenn Lehmbauten häufig unter dem Begriff Denkmal betrachtet werden, ist das durchaus richtig, denn der Schutz baukünstlerisch oder baugeschichtlich einmaliger Bauwerke und die Bewahrung ihrer Authentizität dient zugleich der Erhaltung und Wiederbelebung regional typischer, traditioneller Bauweisen. Nachdem die Lehmbauweise im Laufe der Geschichte, besonders seit der Industrialisierung des Bauens in Vergessenheit geriet, waren es u.a. Denkmalpfleger, die ihre Vorzüge wieder ins rechte Licht setzten. Erstrahlt unter ihrem besonderen Schutz ein altes Haus in neuer Schönheit, sind Bauherren und Bewohner oft erstaunt, wie sehr die bewährten Techniken und der für das Wohnklima äußerst angenehme Baustoff ihren zeitgemäßen Erwartungen entsprechen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Lehmbauweise nicht nur bei der Restaurierung, sondern zunehmend für Umbauten und Neubauten als wohngesunde Alternative genutzt wird.

Auch mir ist Lehm durch meine Arbeit in der Abteilung Bauforschung und Dokumentation im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege vertraut. Hautnah kennen und schätzen lernte ich den Baustoff als Miteigentümerin eines Fachwerkhauses mit Lehmstakenausfachung. Was ich bei der Sanierung aus praktischen Erfahrungen, aus den Schwierigkeiten im handwerklichen Umgang mit dem Baustoff, sogar aus einigen mißglückten Experimente gelernt habe, trägt zur Bereicherung meiner beruflichen Tätigkeit bei.


Zeugnisse der historischen Entwicklung des Lehmbaus in der Region

Die Datenbank in der Abteilung Inventarisation des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege weist unter dem Stichwort "Lehm" 228 eingetragene Denkmale in Fachwerk mit Lehmstakenausfachung, drei Lehmziegelbauten und sieben Stampflehmbauten aus verschiedenen Jahrhunderten nach. Dabei konnten nur die Objekte gezählt werden, bei deren Eintragung in die Datenbank das Stichwort "Lehm" als Suchbegriff definiert worden war. Denkmale, die schon in der DDR unter Schutz standen, sind hier nicht erfaßt.

Daraus und aus der Tatsache, daß die Inventarisierung des Bestandes längst nicht abgeschlossen ist, läßt sich bereits erkennen, daß der Baustoff an bedeutend mehr Denkmalen vorkommt. In der Denkmallandschaft Brandenburgs erscheint er in weitaus vielfältigeren Formen als in den "typischen" Fachwerkhäusern der Region mit Lehmstakenausfachungen aus dem 18. und 19. Jh. im ländlichen und kleinstädtischen Raum. Das älteste, bis heute bekannte Fachwerkhaus des Landes mit Resten originaler Lehmausfachung in der Brandenburger Bäckerstraße stammt von 1408. Sogar in Schlössern und Herrenhäusern wurden im 16. Jh. Innenwände in Fachwerk mit Lehmstaken sowie Deckeneinschübe in Lehm ausgeführt, bis in das 19. Jh. in fast allen Gebäuden durchgängig. Im Schloß Fürstlich-Drehna, Landkreis Elbe-Elster, blieben diese Fachwerkwände mit ihren originalen Farbfassungen erhalten, die hier allerdings auf einem dünnen Kalkputz und nicht direkt auf dem Lehm liegen.

Aus gleicher Zeit, mit ähnlichem Befund, stammen die gefaßten tragenden Fachwerkwände mit Lehmstakenausfachungen reicher Bürgerhäuser, so in Perleberg, Mühlberg und in der Stadt Brandenburg. Zumindest im späten Mittelalter - durchaus auch im städtischen Raum und an herrschaftlichen Bauten (wenn auch hier nur im Innenbereich) - war Lehm ein üblicher Baustoff, zudem preiswert und ohne lange Transportwege zu beschaffen. Einfachere Bauten dieser Zeit blieben wegen ihrer geringen Bau- und Wohnqualität nicht erhalten.

Wohn- und Geschäftshäuser aus dem 17. Jh. in Fachwerk mit Lehmziegel- oder Lehmstakenausfachung im Innen- und teilweise im Außenbereich sind u.a. bekannt in Perleberg und Kyritz (in der Prignitz), in Neuruppin, in der Stadt Brandenburg und in Altranft (Landkreis Märkisch-Oderland). Im Dach des Westflügels von Kloster Chorin (Landkreis Barnim) befinden sich Reste einer Lehmstakung zur Wärmeregulierung zwischen den Dachsparren, die aus dem 17. Jh. stammen, da das Kloster als kurfürstliches Jagdschloß diente.

Nach dem Niedergang des Handwerks durch den Dreißigjährigen Krieg erreichte der Lehmbau in allen seinen Formen erst im 18. Jh. durch das Engagement hervorragender Baumeister wie David Gilly eine neue Blüte. Sie gipfelte u.a. in der Errichtung architektonisch qualitätsvoller Gutshäuser in Lehmbauweise. Zur Nachahmung beschrieb Gilly als genaue Anleitungen die Errichtung eines Pisé-Baues. Sofern Stampflehmbauten keine Putzschäden aufweisen, unterscheiden sie sich von Ziegelbauten im äußeren Erscheinungsbild nur durch eine größere Wandstärke.

Als architektonisch bedeutende Stampflehmbauten blieben z.B. erhalten: ein kleines Wohnhaus in Beerbaum (Landkreis Märkisch-Oderland), ein Wohnhaus in Mühlenbeck (Landkreis Oberhavel), eine ehemalige Dorfschule in Hardenbeck, Ortsteil Rosenow (Landkreis Uckermark) und eine Stallscheune in Bergen (Landkreis Dahme-Spreewald). Neue Dörfer und Einzelgehöfte entstanden durch die Kolonisationspolitik Friedrich II. nach einheitlichen Vorschriften. Vorherrschend waren Wohnstallhäuser in Fachwerkkonstruktion mit Ausfachungen aus gewickelten Lehmstaken und mit einem Fachwerkschlot in gleicher Konstruktion über der offenen Feuerstelle. Auch Wirtschaftsgebäude, Schulen und Kirchen wurden in dieser Bauweise errichtet und sind vereinzelt, beispielsweise in verschiedenen Dörfern des Oderbruchs, in ihren Ursprungsformen erkennbar.

Im 19. Jh. wurden in allen Regionen des Landes neben vielen Neubauten in Fachwerk mit Lehmstakenausfachungen immer wieder an Massivbauten Reparaturen ausgeführt - aus Ziegelsteinen in Lehmmörtel gesetzt und mit Lehm verputzt. Vereinzelt wurden Feldsteinwände innen mit Lehm gedämmt und verputzt. Mit der Industrialisierung des Bauens geriet Lehm als ein für das Wohnklima äußerst angenehmer und preiswerter Baustoff immer mehr in Vergessenheit und mit ihm das Wissen über den handwerklichen Umgang. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten in den vierziger und fünfziger Jahren in der DDR, durch den Mangel an anderen Baustoffen gefördert, umfangreiche Versuche, Lehm vorrangig für ländliche Bauten und zahlreiche Neubauernhäuser mit ihren Stallungen einzusetzen. Experimentiert wurde in verschiedenen Techniken. Einige dieser damals entstandenen Bauten stehen bereits unter Denkmalschutz. Beispielhaft seien genannt: Wohnhäuser in Stampflehmbauweise in Möglin (Landkreis Märkisch-Oderland), zwei Torhäuser in Cottbus, Straße der Jugend, hier als Bauten für die Landwirtschaftsausstellung 1946, auf der u.a. die Lehmbauweise als Alternative publik gemacht werden sollte.

Diese kurze Aufzählung zeigt, daß Bauten, bei denen Lehm zur Anwendung kam, einen beträchtlichen Teil des Denkmalbestandes in Brandenburg bilden, wobei natürlich nicht alle Gebäude, in denen Lehm verbaut wurde, automatisch als Denkmale gelten. Denn Kriterien wie Einmaligkeit, baukünstlerische oder baugeschichtliche Bedeutung spielen bei der Bewertung eine Rolle.


Probleme im Umgang mit dem Denkmal

Mit der Begründung des Denkmalwertes an den Eigentümer erfolgt nach dem Denkmalschutzgesetz des Landes die Eintragung in das Denkmalverzeichnis des Landkreises oder der kreisfreien Stadt. Damit ist der erste Schritt, die Feststellung des Denkmalwertes und daraus resultierend die Unterschutzstellung, abgeschlossen. Das aktuelle Denkmalverzeichnis wird regelmäßig veröffentlicht und liegt in den unteren Denkmalschutzbehörden der Kreise vor.

Danach kommen die Denkmalbehörden erst wieder bei Umbau- oder Sanierungswünschen des Eigentümers mit dem Denkmal in Berührung. Meist weisen Lehmbauten oder Fachwerkhäuser mit Lehmausfachungen Schäden als Folge einer vernachlässigten Pflege oder unsachgemäßen Reparatur in der Vergangenheit auf. Bei umfassenden Sanierungsvorhaben entscheidet sich der Eigentümer bereits zum Einreichen der Genehmigungsplanung für einen Planer, der leider in den seltensten Fällen Erfahrungen mit dem vorgefundenen Baustoff oder mit der Sanierung solcher Bauten besitzt. Allzuoft ist er nicht fähig, berechtigte Wünsche der Bauherren nach Nutzung und Wohnkomfort in dem vorhandenen Lehmbau umzusetzen. Er besitzt keine Sachkenntnis in der Wiederherstellung von Lehmwänden oder -oberflächen und weicht daher auf ihm vertraute Baustoffe aus (leider spielt dieses Spezialgebiet selbst in der Ausbildung von Architekten keine Rolle).

Natürlich kann eine Sanierung, die unnötig originale Bausubstanz zerstört, nicht die Zustimmung der Denkmalbehörden finden. Eigentümer von Denkmalen in Lehmbauweise sind gut beraten, wenn sie sich möglichst früh bei einem Umbau- oder Sanierungsvorhaben an die für ihren Kreis zuständige untere Denkmalschutzbehörde oder direkt an das Landesamt für Denkmalpflege wenden, um einen Weg zu finden, bei dem die Wünsche des Bauherrn erfüllt und das Denkmal erhalten wird. Gerade im Fachwerkbau ist z.B. der Erhalt originaler Lehmstakenausfachungen in bestimmten Bereichen trotz zimmermannsmäßiger Instandsetzung der Hölzer möglich. Das bewahrt die Authentizität des Denkmals und spart Kosten für den Bauherrn. Auch hat sich immer wieder gezeigt, daß berechtigte Ansprüche an modernes Wohnen durchaus mit den Belangen der Denkmalpflege vereinbar sind und Lösungen erreicht werden, die nicht nur den Bauherrn überzeugen, sondern auch eine Bereicherung des Ortsbildes darstellen. Dies gelingt, wenn sich der Eigentümer auf die Werte der historischen Bausubstanz besinnt, Lehm materialgerecht ergänzt oder repariert wird und sich vernünftige Kompromisse zur Nutzung finden lassen.

Hemmend wirkt, daß sich im Land Brandenburg Fördermöglichkeiten für Sanierungen an Denkmalen im Vergleich zu den Nachwendejahren drastisch verschlechterten. Zudem ist Lehmbau in traditioneller Technik sehr arbeitsintensiv, somit eine Ausführung durch Fachfirmen verhältnismäßig teuer. Da auch das Beschaffen von geeignetem Lehm in der Region oft schwierig ist, sind aufwendige Transportwege häufig nicht vermeidbar.

Das veranschaulicht die Umkehrung, die der Baustoff erfuhr: Lehm, in der Vergangenheit wegen seiner guten Eigenschaften genutzt, war in der Nähe vorhanden, erschlossen und somit preiswert. Völlig unberechtigt haftete ihm deshalb der Ruf eines minderwertigen, wenig wertvollen Baumaterials an.

Erst in den letzten Jahren wird auch im Land Brandenburg neu in Lehm gebaut und dieser hervorragende Baustoff wiederentdeckt. Dies läßt hoffen, daß durch den sich entwickelnden Neubau Erfahrungen gesammelt, Materialien und Technologien entwickelt werden, die auch in der Denkmalpflege kostengünstig nutzbar sind. Und sofern eine Reparatur nicht mehr möglich ist, gilt das besonders für die Ergänzung mit vorgefertigten Lehmelementen. Es fehlen Langzeiterfahrungen mit Heizsystemen, welche die optimalen Eigenschaften der Wärmestrahlung des Lehms unterstützen und ihnen nicht entgegenwirken, ebenso fundierte Kenntnisse im Umgang mit wetterfesten, diffusionsoffenen Außenanstrichen in natürlichen Materialien auf Lehmputz usw.

Handwerkliche Qualität und Liebe zum Detail sind notwendig bei der Sanierung und Ergänzung von Vorhandenem, damit unsere Denkmale als eine Bereicherung des kulturellen Lebens erhalten bleiben und in Würde altern können.


Stefanie Wagner

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