WELLERBAUTEN IN DEUTSCHLAND

In den neuen Bundesländern gibt es schätzungsweise mehrere 10.000 in Lehmwellerbauweise errichtete Gebäude. Trotz dieser weiten Verbreitung ist der Lehmwellerbau relativ unbekannt. Selbst Denkmalbehörden wissen oft nichts von der Dominanz dieser Bauweise in ihrem eigenen Zuständigkeitsgebiet. Um so größer ist das Erstaunen, wenn sie im Zuge der derzeitigen Sanierungswelle in den neuen Ländern auf diese Bauten stoßen. Leider ist die Wunschvorstellung des Experten – eine substanzgerechte Sanierung – nur in den wenigsten Fällen zu beobachten. Die Regel sind Abriß oder schleichende Vernichtung durch Wärmedämmverbundsysteme aus Schaumpolystyrol und Kunstharzputz.


Die Technik

Die Lehmwellertechnik ist eine schalungslose Massivlehmtechnik, geeignet für die Errichtung von ein- und zweigeschossigen Bauwerken. Gegenüber der Stampflehmtechnik benötigt sie vorteilhafterweise kein Schalholz. Nach Günzel ist die Lehmwellertechnik wahrscheinlich aus der Bewurftechnik bei der Fachwerkausfachung hervorgegangen: „Die Flechtwerkwand wurde mit Lehm beworfen oder mit Strohlehmwürsten durchflochten. Je stärker der Lehmbewurf und die Lehmmasse im Laufe der Zeit wurde, um so weniger war es notwendig, sie auf einem Flechtwerkkern aufzubauen. Sie konnte frei aus der Hand aufgeschichtet werden."1

Fette Lehme eignen sich für den Wellerbau am besten. Darüber heißt es bei Meinert 1796: „Für Oerter, wo fette Erde in der Nähe und Stroh in Menge ist, können diese Wände oder Mauern mit Recht als die besten und wohlfeilsten empfohlen werden."2 Durch das Beimengen von Stroh wird eine gegenüber dem Stampflehm- und Lehmsteinbau bessere Wärmedämmung erreicht.

Mit Stroh versetzter und gut vermischter Lehm hat eine zähbreiige Konsistenz. Nachdem die Wellermasse 24 Stunden durchgezogen – gemaukt – ist, wird sie mit einer Mistgabel zu einem Wandabschnitt oder Wellersatz aufgeschichtet, der etwa 65-95 cm hoch ist und auf beiden Seiten 5-10 cm über die eigentliche Wandbreite hinausgeht. Dieser Überhang wird nach 10-14 Tagen mit einem Dreiecksspaten fluchtgerecht abgestochen, wodurch die für den Wellerbau charakteristische Wandoberfläche mit durchtrennten, angeschnittenen Halmen entsteht.

Nach etwa fünf Tagen kann der nächste Satz Wellermasse aufgebracht werden. Die Wandstärke beträgt in der Regel 50-120 cm, bei Innenwänden ist sie teilweise geringer. Wegen der schwierigen Ausführung wurden derartige Wellerwände sowie Wandöffnungen oft eingeschalt, was zur Verwechslung mit dem Stampflehmbau führen kann. Durch Schrumpfen beim Austrocknungsprozeß bedingt, kann ein Setzmaß von bis zu 15 cm pro Geschoß auftreten. Rähmbalken sowie Putz können deshalb erst nach Beendigung des Setzungsvorgangs aufgebracht werden.


Zuschlagstoffe

Dem Rohlehm wird als einziger Zuschlagstoff Stroh beigemengt und mit Wasser zu einer zähbreiigen Masse vermischt. In der Literatur sind verschiedene Angaben darüber zu finden, wieviel Stroh beigemischt werden sollte. Meinert spricht von einem vierundzwanzigpfündigen Bund Roggenstroh auf 10 Kubikfuß Lehm.3 Das entspricht ca. 15 kg/m3 Lehm. Dagegen spricht Keferstein4 von zwei Bund Stroh auf 20 Kubikfuß Lehm, wobei leider nicht nachvollziehbar ist, wie groß in diesem Falle der Gewichtsanteil ist. 1947, als dem Lehmbau durch die Kriegsfolgen eine kurze Renaissance beschieden war, wurde in der Lehmbaufibel5 festgehalten, daß einem Kubikmeter Lehmmasse mindestens 50 kg Stroh beizumengen seien.

Stroh, ein leichter Zuschlagstoff, verminderte das Gewicht der Lehmwellermasse und bewirkte zudem eine verbesserte Wärmedämmung. Dennoch dürfte der bessere Dämmeffekt nicht der ausschlaggebende Punkt für die Beimengung gewesen sein, da auch Umfriedungsmauern den gleichen Strohanteil aufweisen. Vielmehr hat Stroh eine Armierungsfunktion. Bei Proben von Breunsdorfer Wellerwänden6 wurde eine Dichte von 1700-1850 kg/m³ festgestellt. Das sind wesentlich geringere Massedifferenzen, als man der Literatur ent nehmen kann. Es wird vermutet, daß die relativ gleichmäßige Zusammensetzung aus der Nachbarschaftshilfe und dem Austausch von Erfahrungen zwischen den Breunsdorfer Bewohnern resultiert. Möglich ist auch, daß die Lehmwellerwände von Fachkräften, sog. Leimern (Leim = Lehm), ausgeführt wurden, deren Routine zu dieser Gleichmäßigkeit führte.

Als Folge der feuchtigkeitsentziehenden Wirkung des Lehms sind die Strohbestandteile meist bis heute in einwandfreiem Zustand und sogar in ihrer ursprünglichen Farbe und Form erhalten, während bei dauerhaft durchnäßten Wandquerschnitten ein fortgeschrittener Humierungsprozeß zu beobachten ist. In Gebieten, wo Stroh nicht ausreichend zur Verfügung stand, verwendete man Heidekraut, Reisig oder Quecke als Zuschlagstoffe.7 Sand oder Kiesel wurden der Wellermasse nicht zusätzlich beigemischt. Das teilweise Auftreten dieser Stoffe im Wandquerschnitt ist in der natürlichen Unregelmäßigkeit einer Lehmgrube begründet.


Gründung und Sockelbereiche

Die Ausführung der Sockelbereiche von Wellerbauten ist sehr unterschiedlich. Als Materialien wurden Bruchstein, Ziegel, Kalkmörtel und fetter Lehm verwendet. Meinert8 schreibt über Fundament und Sockel, daß Wellerwände „auf ein in die Erde gelegtes, aus Steinen oder Ziegeln mit Mörtel gemauertes Fundament, welches wenigstens 2 Fuß (ca. 60 cm) über den Boden tritt, ausgeführt werden". Gilly9 spricht bei Lehmsteinbauten von mindestens 18 Zoll (ca. 56 cm) hohen Sockeln, was aber auf den Wellerbau übertragbar ist.

Erstaunlicherweise besaßen nicht alle Breunsdorfer Lehmwellerbauten einen durchgehenden Sockel. An einigen Bauten wurde zum Spritzwasserschutz eine Bruchsteinverblendung vorgemauert und der Zwischenraum mit fettem Lehm ausgestampft, was nicht den Vorschriften oder Empfehlungen entsprach und Ursache für folgenschwere Bauschäden durch aufsteigende Feuchtigkeit und deren Salze war. Daß den Breunsdorfern die Folgen dieser Sockelausführung nicht bewußt waren, ist unwahrscheinlich. Die Erklärung für dieses Phänomen könnte in einer staatlichen Anordnung liegen. Günzel bemerkt, daß der Preußische Staat sog. Salpeterscharrer einsetzte; Salpeter wurde für die Schießpulverproduktion benötigt: Zur Gewinnung von Salpeter kratzten die Scharrer den salpeterdurchsetzten Lehm von den Lehmwellerwänden und brachten auf diese Weise durch ihre langjährige, eifrige Tätigkeit so manche Wand zum Einsturz. Um trotz Neuaufbau der Wand weiterhin Salpeter gewinnen zu können, waren Wellerwände unter Androhung von Strafe mit gar keinem oder einem sehr niedrigen Sockel auszuführen.10

Ob es ähnliche Bestimmungen auch in Sachsen gab, konnte bisher nicht ergründet werden. Weil die in Breunsdorf vorgefundenen Sockelkonstruktionen zumeist nicht den damaligen Vorschriften und Empfehlungen entsprechen, finden sich heute oft durchfeuchtete Wellerwände.


Putz

In seiner Geschichte der Landwirtschaft des Altenburgischen Osterlandes vermerkt Kresse 1845, daß Wellerwände verputzt werden.11 Meinert empfiehlt größere Dachüberstände bei unverputzten Lehmbauten,12 aber auch einen Bewurf von Mörtel oder Haarspeise, einem Gemisch aus Kalk, Ton und Haaren.13 Beobachtungen ergaben, daß beispielsweise im Saalkreis oft Wirtschaftsgebäude in Lehmwellertechnik traditionell unverputzt blieben, allerdings liegen deren Wandstärken bei 80-100 cm. Wahrscheinlich meinte man, daß ein paar Zentimeter Abwitterung an derart starken Wänden nicht die Standfestigkeit beeinflussen. In Sachsen sind dagegen fast ausschließlich verputzte oder ehemals verputzte Wellerbauten anzutreffen.

Ebenso waren in Breunsdorf durchgängig Wellerwände mit verputzter Oberfläche oder mit Putzresten vorzufinden. Als Innenputz wurde Kalkputz verwendet. Der Außenputz bestand oft aus zu hartem Kalk-Zement-Putz, was zu großflächigen Abplatzungen und Schalenbildungen führte. Doch selbst an Stellen, von denen der Außenputz schon längere Zeit abgeplatzt war, befand sich die Welleroberfläche im guten Zustand. Das bewirkten wahrscheinlich durch die Verwitterung der Oberfläche freigelegte Strohhalme, die, leicht nach unten geneigt, für das Abtropfen des Regenwassers sorgten. Größere Dachüberstände, wie sie Meinert14 vor allem für unverputzte Lehmbauten empfiehlt, dürften nicht als alleinige Ursache für die gute Erhaltung der Welleroberfläche ausschlaggebend sein, da dieser Überstand bei Schlagregen nur das oberste Geschoß schützt.


Form der Wellerabschnitte und Wellerwände

Für die Wellerbauweise in der Region nördlich von Leipzig sind konisch sich verjüngende Wellerwände, wie sie in Gottscheina und Hohenheida bei zweigeschossigen Gebäuden vorkommen, typisch, in der Gegend von Lützschena-Stahmeln und bei Delitzsch schon bei eingeschossigen Wellerbauten. Südlich von Leipzig tritt die Bauweise nur für das massive Erdgeschoß der Gebäude auf. Meinert legt dar: „Die Wellerwände werden wie die Erdstoffmauern gewöhnlich nicht lothrecht ausgeführt, sondern sie erhalten in- und auswendig eine Böschung. Bei Wohngebäuden und Scheunen fällt die innere Böschung größtenteils weg; auch gibt es Fälle, wo die Böschung von beiden Seiten unterbleibt und die Wand noch fest bestehet."15 Keferstein erwähnt nur Wellerwände, die sich allmählich nach oben verjüngen.16

Zur Stärke der Lehmwände teilt Keferstein mit, daß diese abhängig von der Höhe der Wand gewählt werden muß:17

16 Zoll stark bei 8 Fuß hohen Wänden, also etwa 50 cm auf 2,50 m Höhe,
2 Fuß stark bei 12 Fuß hohen Wänden, also etwa 62 cm auf 3,75 m,
3 Fuß stark bei 18 Fuß hohen Wänden, was zwei Wohngeschossen oder einer Scheunenwand entspricht, also etwa 93 cm auf 5,63 m.

In Breunsdorf sind Welleraußenwände meist 50-60 cm dick, wobei eine auffällige Häufung bei genau 50 cm lag. Gewellerte Lehminnenwände sind dort 30-50 cm dick, meist jedoch in einer Stärke von 40, 42 cm zu finden. Allerdings war bisher nicht bekannt, daß Wellerwände in der erstaunlich geringen Wandstärke von 30 cm ausgeführt wurden und sogar noch existieren. Bei diesen Wänden ist durch die Lage des Strohs im Randbereich zu erkennen, daß teilweise mit Schalungen gearbeitet wurde. Das mag auf die schwierige Ausführung derart schwacher Wellerwände zurückzuführen sein. Meinert berichtet von Wellerwänden, die in Einfassungen ausgeführt werden, wodurch man sie besser lotrecht bekomme, was jedoch mühsamer und kostbarer wäre.18 Wahrscheinlich ist hierin auch der Grund zu sehen, daß Innenwände meist aus Lehmsteinen gemauert wurden.

Die Höhe der Wellersätze wird in der Literatur nicht im Zusammenhang mit der Wellerstärke gesehen. Meinert berichtet von 3 Fuß Höhe19 (etwa 93 cm), Keferstein sogar von 3-4 Fuß (etwa 93-125 cm). In Breunsdorf liegt die Höhe zwischen 60 bis 80 cm, also unter den in der Literatur angegebenen Maßen, wobei die genau 50 cm starken Wellerwände meist mit genau 80 cm hohen Wellersätzen ausgeführt wurden.


Verbreitungsgebiete des Lehmwellerbaus

Laut Günzel kann „der Wellerbau als eine holzsparende und feuersichere Bauweise ... in Sachsen in etwa von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert an als bodenständig angesehen werden."20 Seine Anwendung und Verbreitung sollten mehrere behördliche Anordnungen fördern – unter anderem 1560, 1575 und 1776.21 Andere Verordnungen fallen zumeist in Nachkriegszeiten, wenn viele Bauten neu zu errichten waren und allgemeine Holzknappheit herrschte. Günzel führt an, es könne davon ausgegangen werden, daß im obersächsisch-thüringischen Raum die Wellerbauweise vom Mittelalter an kontinuierlich ausgeführt wurde, wenn auch Belege für den Zeitraum vom 14. bis zum Ende des 16. Jh. fehlen.22

Keferstein bemerkt zur Verbreitung des Lehmwellerbaus: „Die weitläufige Gegend zwischen Dessau, Magdeburg, Halle, Leipzig usw., wo die meisten Landgebäude auf diese Art erbauet sind, beweist den Vortheil und Nutzen, sowie die Möglichkeit und Schicklichkeit der selben umständlich."23 Während in der Region der mittleren und unteren Saale sowie nördlich von Leipzig häufig zweigeschossige Wellerbauten vorkommen, beschränkt sich der Wellerbau südlich von Leipzig ausschließlich auf das massive Erdgeschoß.24 Obergeschosse sowie Scheunen, die in den oben genannten Regionen in Wellerbauweise anzutreffen sind, werden hier in Fachwerk ausgeführt. Das könnte ein Indiz dafür sein, daß die Holzknappheit hier nicht so extrem war wie in anderen Gebieten. Fehlende Lehmlagerstätten waren jedenfalls nicht der Grund, denn das massenhafte Vorkommen des Baustoffs ist nachweisbar. Eher könnte auch die starke Tradition des Fachwerk- und Umgebindebaus die Ausbreitung des Wellerbaus beschränkt haben. In Breunsdorf waren beispielsweise in 30 Gebäuden Reste oder gesamte Erdgeschosse in Lehmwellerbauweise nachweisbar. Das entspricht der Hälfte aller Gebäude, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut wurden und noch existieren.

Die Wellertechnik wurde nachweislich bis 1830 häufig ausgeführt, aber wahrscheinlich schon langsam durch Bruchsteinmauerwerk verdrängt, das sich z.B. besser für Stallbauten eignete. Mit einsetzender Industrialisierung löste der nun billigere Ziegelbau die Lehmwellerbauweise endgültig ab. Dennoch sind auch Wellergebäude bekannt, die 1875 und später errichtet wurden.


Christof Ziegert

Anmerkungen

1 J. C. Günzel: Zur Geschichte des Lehmbaus in Deutschland, Diss. Kassel 1986, S. 42
2 F. Meinert: Die landwirtschaftliche Bauwissenschaft, Halle 1796, § 56, S. 447
3 Ebenda
4 F. Keferstein: Anleitung zur Landbaukunst, Leipzig 1791, § 381, S. 298
5 Forschungsgemeinschaft für ländliches Bau- und Siedlungswesen, Hochschule Weimar: Lehmbaufibel. Weimar 1947, S. 33
6 Die in diesem Text enthaltenen Angaben zur Lehmbausubstanz in Breunsdorf beziehen sich auf eine Untersuchung des Autors von 1994/95.
7 Forschungsgemeinschaft ..., S. 33
8 Meinert: § 56, S. 446
9 D. Gilly: Beschreibung einer vorteilhaften Bauart mit getrockneten Lehmziegeln. Berlin 1790
10 Günzel, S. 137
11 Z. Kresse: Geschichte der Landwirtschaft des Altenburgischen Osterlandes. Altenburg 1845, S. 252
12 Meinert: § 59, S. 450
13 Meinert: § 55, S. 445
14 Meinert: § 59, S. 450
15 Meinert: § 56, S. 447. Er gibt auch an, wie stark die Böschung sein sollte: „Verjüngt sich die Wand auf beiden Seiten, so gibt man auf jeden Fuß Höhe ½ oder 5/8 Zoll Schräge; bleibt die eine Wand lothrecht, so sollte die Böschung auf jeden Fuß Höhe wenigstens 1 Zoll betragen."
16 Keferstein: § 382, S. 299
17 Ebenda
18 Meinert: § 58, S. 450
19 Meinert: § 56, S. 447
20 Günzel: S. 40
21 Ebenda, S. 26
22 Ebenda, S. 52
23 Keferstein: § 388, S. 303
24 Ob dieser Umstand auf unterschiedliche bauliche Bestimmungen zurückzuführen ist, bleibt unklar. Meinert schreibt auf S. 448: „Wellerwände, wenn sie dick und gut gemacht sind, tragen noch ein Stockwerk von Holz", obwohl er Gegenden, in denen Wellerbauten zweigeschossig ausgeführt werden, zu kennen scheint: „Die Bauart mit Wellerwänden sowohl zu Gebäuden als auch zu Befriedungen ist im Magdeburgischen, Halberstädtischen, vorzüglich aber im Saalkreise gewissermaßen heimisch. Man baut diese Wände größtenteils ohne Formen nach dem Lothe ohne Böschung und die ungemeine Dauer bestätigt ihre Güte."

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