WELLERBAUTEN IN FRANKREICH

In Frankreich war ich mehrere Jahre bei einer Einrichtung tätig, die große Erfahrung im Lehmbau, insbesondere aber bei Wiederaufbau und Restaurierung von Lehmwellerbauten gesammelt hat. Wir beschäftigten uns dort ausschließlich mit der Rekonstruktion alter Häuser in Wellertechnik. Unsere Versuche zur Mechanisierung der Technik erstreckten sich hauptsächlich auf die Herstellung von Strohlehm oder Lehmziegeln. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, daß Lehmwellerbauten große Vorteile haben, was Thermik und Schallisolierung betrifft. Es ist aber schwierig, Lehmweller mechanisch herzustellen, denn Wellerbau ist im wahrsten Sinne des Wortes ein solides Handwerk.

Es gibt in Frankreich vier verschiedene Lehmbautechniken:

Pisé, also den Lehmstampfbau, eine Trockentechnik für kompakte Bauten,
l'adobe, den Lehmziegelbau, eine Trocken-Feucht-Technik,
le torchis, den Fachwerkbau, und schließlich
la bauge, den Wellerbau, eine Feucht-Technik für kompakte Bauten.

Der Wellerbau ist eine stabile, kompakte Bauweise; charakteristisch für den Wellerbau ist das Fehlen von Holz als tragendes Element. Bestandteile des für Wellerbauten verwendeten Lehms sind: Ton, zumeist mit einem Anteil von 0 bis 20 %. Bei uns in der Normandie haben wir teilweise überhaupt keinen Ton feststellen können, so daß wir hier nicht mehr von Lehm sprechen können. Weiterhin ist Schluff mit 50-80 % enthalten, Sand mit 10-20 % und Kies mit weniger als 10 %.

In der Normandie finden wir Wellerbau-Häuser, bei denen als Baumaterial mit Lehm vermischter Kiesel verwendet wurde. Es gibt also keine festen Regeln für die Beschaffenheit des Baustoffs, vielmehr wird das Material verwendet, das sich vor Ort findet. Als organische Substanzen finden sich darin Stroh von Roggen oder Weizen, Heu, auch aus Moorgebieten, weil dies härter ist; sogar Heidekraut wurde in den Lehm eingearbeitet.

Die Herstellung von Lehmweller erfolgte in der Vergangenheit manuell, später auch mechanisch. Bei der manuellen Verarbeitung wurden Lehm und organische Substanzen, beispielsweise Stroh und Heu, vermengt. Diese Masse wurde auf dem Boden in einem Kreis von 3-5 m Durchmesser ausgebreitet und von Menschen oder Tieren getreten und gestampft. Nach und nach wurden Wasser und weiteres Stroh beigegeben. Zumeist brauchte man einen Tag, um eine genügend große Menge der Wellermasse für einen Bauabschnitt herzustellen. Die fertige Mischung ließ man drei bis vier Tage ruhen. Danach wurde die fertiggestellte Wellermasse mit einer Mistgabel abgestochen und auf ein zuvor angelegtes Steinfundament geschichtet. Ein Fundament aus Steinen ist wichtig, um aufsteigende Feuchtigkeit zu verhindern.

Die weitere Aufschichtung der Hauswände erfolgte so, daß zuerst die Außenwände, dann die Innenwände errichtet wurden. Man stellte i.d.R. einen Wellersatz von 60-80 cm Höhe her und ließ das Ganze vier bis fünf Tage austrocknen. Um eine gute Festigkeit zu erreichen, wurde der Wellersatz mit einem Stampfer verdichtet. Dieses Verfahren ähnelt der Pisétechnik. Nach dem Verdichten vergingen wieder einige Tage, bevor die Wand an den Seiten mit einem Flacheisen begradigt wurde. Erst danach wurde der nächste Wellersatz aufgebracht usf., bis schließlich die ganze Wand errichtet war. Die Dicke der Wand lag zwischen 60 cm und 1 m, unten breiter als oben.

Mechanisch läßt sich das Material für Lehmwellerbauten auf zwei Arten herstellten: auf dem Terrain mit einer Bodenfräse oder mit einer Malaxeur-Planétaire-Mischmaschine.


Die Verbreitung des Lehmwellerbaus in Frankreich

In Frankreich haben Wellerbauten i.d.R. ein Geschoß, seltener sind zweigeschossige Bauten. Drei Etagen habe ich in keiner Region vorgefunden. Wellerbauten finden sich im Westen Frankreichs im westlichen Teil der Normandie, im Bassin de Rennes, in der Bretagne, vereinzelt auch in der Vendée. Verglichen mit dem Fachwerk, der in Frankreich wie der Stampflehmbau sehr verbreitet ist, handelt es sich beim Wellerbau um ein einfacheres Verfahren. Von der ökologischen Bewegung in Frankreich, den französischen Grünen, wurde ein Signet entwickelt, das einen grünen Wurm zeigt. Befindet sich dieses Logo an der Wand eines Gebäudes, weiß man, dieses Haus wird ökologischen Anforderungen gerecht.

Die meisten in Frankreich in Lehmwellertechnik gebauten Häuser stammen aus dem 18. und 19. Jh. Das älteste uns bekannte wurde 1750 gebaut, das jüngste 1910. In Frankreich wird die Lehmwellertechnik also seit ungefähr 80 Jahren nicht mehr angewendet, eine Folge des hohen Arbeitskräftebedarfs und der langen Trocknungszeiten. Als im Ersten Weltkrieg die Männer an die Front mußten, war ihre Arbeitskraft nicht mehr verfügbar. Wo zuvor Wellerbau gang und gäbe war, wurden die Häuser nun aus vorgefertigten Ziegelsteinen gemauert. Die meisten Bauten in Wellertechnik in Frankreich sind Bauernhöfe; Stadthäuser sind mir nicht bekannt.

Typisch für Wellerbauten sind langgestreckte Fassaden. Öffnungen für Fenster und Türen wurden im Lauf der Zeit verändert. In manchen Regionen wurde die Wellertechnik auch für Trennungsmauern angewendet. Sie haben dann immer das charakteristische Steinfundament und eine kleine Bedachung als Regenschutz. In der Normandie wurden Öffnungen in Wellerbauten nicht zusätzlich verstärkt, also ohne Sturz angelegt.

Häufig wird der Lehmweller heute zur Innenraumgestaltung benutzt. Ein Beispiel dafür ist die der Umwandlung einer alten Schmiede in ein Restaurant vorgenommenene Ummantelung eines Kamins.


Schwachpunkte der Wellertechnik und Reparaturen

Die Schwachpunkte lassen sich folgendermaßen klassifizieren: Erstens liegen sie in der Natur des Materials, denn es gibt Nachteile, die in der Art des Werkstoffes selbst liegen. Die Oberfläche verändert sich, Löcher, kleine Risse und ähnliches können durch Regen oder zu schnelles Trocknen verursacht werden. Eine Mauer kann z.B. absacken, weil die Bedachung defekt ist und der Lehm abfloß. Oder infolge mangelhafter Dachausführung oder Schäden am Dach fließt Regenwasser ungehindert an der Wand herab und beschädigte sie. Eine weitere Ursache für Schäden ist das Abtragen des Materials durch den Wind.

Der zweite Schwachpunkt ergibt sich aus der Struktur der Gebäude, wenn beispielsweise das Fundament fehlt oder nicht ausreicht. Ist die Verbindung der Winkel ungenügend oder die Verteilung der Lasten vom Dachstuhl schlecht, entstehen tiefe Risse. Als Folge halten Giebel- und Längsfassade nicht mehr zusammen, es entsteht ein breiter, langer Spalt. Die Reparatur ist in diesem Fall extrem schwierig. Das Gleiche gilt für Risse, die sich aufgrund von zwei aufeinanderliegenden Öffnungen gebildet haben.

Welcher Schutz ist für die Außenwände der Lehmwellerbauten zu wählen, um sie gegen Wind und Regen zu sichern? In den letzten 50 Jahren wurde oft Putz aus Zement und Kalk verwendet, der im Wasser hart wird. Wenn die Wände keine Fundamente haben, weil die Grundmauern - wie die Alten sagen - 30-40 cm tief auf "soliden Grund" gestellt wurden, kann dennoch Feuchtigkeit in die Wand dringen. Manchmal wurde innen und außen ein fetter Kalkputz aufgebracht, was zur Folge hatte, daß die Feuchtigkeit durch die Grundmauer über Haarrisse hochkroch und sich in der Wand verteilte, weil der Putz nicht abdichtete. Fetter Kalkputz ist ein Putz, der atmet. Wird dagegen ein dichter Putz benutzt, nimmt die Feuchtigkeit zu, denn sie wird gestoppt und kann sich nicht verteilen: in der Wand entsteht eine große euchtigkeit, was nicht zu verhindern ist. Wegen des verwendeten undurchlässigen Putzes fiel in der Bretagne ein Haus vollständig in sich zusammen.

Wir haben uns bei unseren Restaurierungsarbeiten deshalb für einen Lehmputz entschieden. Wie bei der Herstellung von Lehmziegeln gebräuchlich, haben wir Zerkleinerer und Mischmaschine verwendet und Lehm mit Kalk und Wasser gemischt. Man muß jedoch wissen, daß jeder Lehm anders ist und die Verhältnisse sich dadurch verändern können. Am besten nimmt man den Lehm aus der Gegend, in der sich der Bau befindet. Dann kann man davon ausgehen, daß die Zusammensetzung dem des beschädigten Wellerbaus ähnelt. Es ist wichtig zu wissen, daß es Probleme beim Trocknen geben kann, wenn der Tonanteil zu hoch ist. Durch Zugabe von Sand und Kalk nach Erfahrungswerten läßt sich die Konsistenz des Putzes beeinflussen. Wir verwenden i.d.R. ein Mischverhältnis von 80 % Lehm, 10 % Sand und 10 % fettem Kalk.

Zunächst wird das Gebäude vorbereitend mit einem Wasserstrahldruckgerät gesäubert, um alle Moose und Flechten zu beseitigen. Dann entfernt man den Lehm, der nicht mehr hält oder schadhaft ist. Anschließend werden die großen Schäden verschalt, um sie mit Lehmweller zu füllen. Anschließend wird eine Trockenzeit eingeräumt.

Im nächsten Arbeitsgang wird der Putz aufgetragen. Wir verwenden einen Gipsstrahler, wie man ihn vor 50 Jahren benutzte, haben jedoch die Spritzdüse etwas vergrößert. Das Gerät arbeitet mit Preßluft. Der Mörtel wird max. 1-2 cm dick aufgespritzt und nach einer gewissen Trockenzeit eine zweite Schicht. Anschließend wird der Putz "gestaucht", d.h., mit der Kelle festgedrückt, um Riß- und Haarrißbildung zu vermeiden, die durch den Tonanteil entstehen können. Das ist das größte Problem, denn der Ton ist mehr oder minder aktiv. Es folgen etwa 10 Stunden Trocknen. Hinterher wird der Putz mit der Kelle gekratzt, um ihm ein rustikales Aussehen zu geben. Diese Technik haben wir zweimal zu unserer Zufriedenheit angewandt.

Für Wandöffnungen in einem Lehmwellerbau läßt sich eine auf eine Motorsäge aufgesetzte Steinsäge verwenden. Man schneidet die gewünschte Öffnung aus und stößt den Lehm mit einem Preßlufthammer heraus. Um abschließend eine saubere Öffnung zu haben, arbeitet man nochmals mit der Steinsäge nach. Das ist erstaunlich einfach, und wir brauchten zu unserer Überraschung keine Abstützung. Die Festigkeit des Wellers ist groß genug, um derart zu verfahren. Danach wird natürlich ein Sturz gesetzt und wie üblich weitergearbeitet.

In der Bretagne hat eine Gruppe der Universität Rennes mit vorgefertigten Lehmwellerbaustücken gearbeitet. Es handelte sich um große Blöcke, 40-50 cm dick, 1,20 m lang und 60 cm hoch. Diese Blöcke sind drei- bis viermal verwendet worden. Problematisch war, daß ein Block ca. 350 kg wiegt, so daß mit einem Kran gearbeitet werden mußte. Außerdem begrenzt diese Bauweise sehr stark die architektonische Vielfalt. Ich beurteile dieses Verfahren eher skeptisch, aber die Bretonen sind offensichtlich zufrieden. Doch bin ich nicht sicher, ob nach diesem Verfahren noch gebaut wird, denn das erwähnte Beispiel liegt drei Jahre zurück.


Christian Delabie

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