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Ähnlich wie in der Region Marche gibt es in den Abbruzzen
historische Lehmhäuser. Diese sind vor allem in einem
mittelhügligen zentralsüdlichen Ring zu finden, meist verstreut
in der Landschaft, in einigen Fällen auf Stadtränder
konzentriert. Lehmbau war bis zum Zweiten Weltkrieg üblich,
geriet jedoch wegen Vorurteilen und der sich verändernden
Lebensweise, die einen allgemeineren Zugang zu den "modernen"
Bautechnologien erlaubte, in Vergessenheit.

Lehmhäuser werden anhand spezifischer Namen identifiziert.
Atterrati kommt von "terra": Erde. Pagliare wird von "paglia"
hergeleitet, dem Stroh. Casette steht für "casa": Haus. Einige
dieser Begriffe wurden sogar von Ortsnamen abgeleitet - z.B.
Casette d'Ete und Pagliare del Tronto -, um die große
Verbreitung dieser Gebäude zu beweisen. Die heute am
häufigsten verwendete Bezeichnung zur Identifikation ist
"atterrati".

In einigen Fällen sind die Gebäude noch bewohnt, was jedoch
immer seltener anzutreffen ist. Häufiger werden Lehmbauten als
Ställe oder Lager verwendet. Mitunter sind sie völlig verlassen,
da die rohen Bauten nach tief verwurzelten Vorurteilen als
ungesund und wenig dauerhaft gelten. Vor allem werden sie als
ein Erbe der Armut angesehen, an die sich niemand gern
erinnert. Zudem haben die "atterrati" keinen Markt, da ihr Wert
nicht anerkannt wird, ausgenommen zum Erwerb von Baugrund.

Werden Eingriffe vorgenommen, so tendieren sie zur Sanierung,
die oft mit der Beseitigung der Lehmmauern und deren Ersatz
durch gebräuchliche Materialien verbunden ist. So gibt es
leider nur wenige Beispiele für Restaurierungen, obwohl sich
die Situation langsam verändert. Bei den örtlich genutzten
Techniken überwiegen die Stampflehmbauweise und der Wellerbau,
letzterer ist deutlich weiter verbreitet. Nur in den wenigsten
Fällen wurden die Gebäude mit ungebrannten Ziegeln
realisiert.

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Die Bautechnik

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Der Wellerbau ist eine sehr einfache Bauweise und deshalb am
häufigsten anzutreffen. Sie besteht hier aus Reihen regelmäßig
errichteter Blöcke oder aus nicht winklig abgemessenen Broten
aus Erde und Stroh.

Der erste Schritt bei der Errichtung eines "atterrato" besteht
in der Wahl des Bauplatzes. Dies sollte möglichst ein Grund
sein, der sich aus für den Bau geeigneter Erde zusammensetzt
und mit Wasser versorgt wird. Der ideale Lehm, die "terra
vianga", wird im Sinne der Kultivierung gering geschätzt. Um
die Blöcke herzustellen, wird Lehm in einer ausgehobenen Mulde
auf dem Baugelände mit zerkleinertem Stroh vermengt,
gelegentlich auch mit Kuhmist. Die Bearbeitung erfolgt mit den
Füßen oder mittels Hacken. Ist die Mischung ausreichend
homogen, werden daraus von Hand Blöcke geknetet, als handele es
sich um Brot.

Manchmal bestehen die Fundamente aus Ziegelsteinen, häufiger
aus Erde, die in einen zuvor ausgehobenen Graben gestopft wird,
verstärkt mit zugesetztem Kies, Ziegelbruchstücken und anderen
Abfallmaterialien. Die Errichtung des Baus erfolgt durch
versetztes Übereinanderlegen und Stampfen, um die Blöcke besser
miteinander zu verbinden. Sind 1-1,5 m Mauerhöhe erreicht,
wird die Arbeit ausgesetzt, damit sich das Material verfestigt.
Danach gleicht der "maestro d'atterrati", also der Baumeister,
die Maueroberfläche aus, indem er sie mit einer Klinge
beschneidet. Öffnungen für Türen, Fenster, Schornsteine und
Nischen werden beim Errichten der Mauern so ausgespart, daß sie
am Ende ebenfalls rechtwinklig sind.

Oft verjüngen sich die Mauern nach oben hin, so daß sie bei
zweigeschossigen Häusern an der Basis 80-100 cm stark sind,
während sie am Auflagepunkt der Bedachung nur 40-50 cm
erreichen. Auf der Höhe des ersten Stockwerks beginnen die
Arbeiten für das notwendige Balkenwerk des Dachbodens, der sich
nicht sonderlich von denen in Backsteinhäusern unterscheidet.
Schließlich wird das Dach gebaut. Zumeist besteht es aus einem
Schilfrohr-Flechtwerk, das die Flachziegel trägt, unterstützt
von den Balken, auf denen der übliche Teig aus Lehm und Stroh
und letztlich auch die Ziegel aufgebracht werden. Die Bedachung
ragt weit über die Mauern hinaus, fast immer in zwei Schichten
mit einer leichten orthogonalen Neigung an der langen Seite des
Gebäudes, größtenteils, um die Mauern vor Unwettern zu schützen.
Für den Baubeginn eines "atterrato" muß der Zeitpunkt sorgsam
gewählt werden, starke Regen- oder Trockenperioden sind zu
vermeiden, weil sie eine zu langsame oder zu schnelle Trocknung
des Materials verursachen würden.

Lehmhäuser sind verputzt, üblicherweise wird Lehmputz oder
Lehm-Kalkputz verwendet, um sie vor Umwelteinflüssen zu
schützen. Zum größeren Schutz gegen Abnutzung und Wetter
werden Kanten, Fenster- und Türstürze, manchmal Nordwand und
Sockel mit Ziegelsteinen ausgeführt, häufig auch nachträglich.
Türen und Fenster unterscheiden sich nicht von denen
gemauerter Häuser. Auf Höhe des Erdgeschosses sind die
Öffnungen oft mit einer Art von Gittern befestigt, die aus
Eichenholzbrettchen gefertigt und in die Mauer geschlagen
werden, um Eisengitter zu ersetzen. Auch Trennwände sind
gelegentlich aus Lehm, im Obergeschoß ebenso wie im unteren.
Sie können auch aus geflochtenen und später verputzten Halmen
bestehen, sind aber im Vergleich zu Außenmauern von geringer
Stärke.

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Typologie des "atterrato"

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Typisch für die "atterrati" in unserer Region sind vor allem
zwei Arten: Hausansammlungen in den Vorstädten und vereinzelte
Bauernhäuser auf dem Land. Den städtischen "atterrati" liegt
keine eigene Typologie zugrunde, doch geben sie die der
zeitgenössischen Wohnungen wieder und sind vor allem in
Grundrißgestalt und Gesamteindruck einander ähnlich.
Unterschiede bestehen in kleineren Fenstern, dickeren Mauern
und einem weiter herausragenden Dach.

Die ländlichen Lehmgebäude haben generell einen viereckigen
Grundriß und sind zweigeschossig. Sehr selten sind
eingeschossige Bauten vom Beginn des Jahrhunderts anzutreffen.
Bei ihnen kann die Verbindungstreppe aus Holz oder Ziegelstein
innen liegen. Doch zumeist ist die Treppe extern angelegt und
aus ungebrannten Steinen oder Ziegelsteinen errichtet.

Der Bau geht überwiegend auf die zweite Hälfte des vorigen
Jahrhunderts zurück, als Lehm infolge der örtlichen Geschichte
häufiger verwendet wurde und vor allem ländliche "atterrati"
als Behausung finanziell schwacher Eigentümer entstanden, die
sich trotz ihrer geringfügigen Habe ein eigenes Heim schaffen
wollten. Oft handelt es sich um kleine Wohnungen mit Räumen
begrenzter Höhe, die dazu dienten, elementarste Bedürfnisse zu
befriedigen. Wenngleich sich der Wohlstand des Eigentümers mit
der Zeit verbesserte, wurde das Haus sehr selten ersetzt. Als
ein Gut betrachtet, das kein Einkommen bringt, wurde es zumeist
durch den Anbau zweier neuer Flügel erweitert, stets mit
ungebrannten oder gebrannten Steinen.

Neben diesem Typus existieren auch gewichtigere Häuser von
beachtlichen Dimensionen und durchdachter Innenaufteilung aus
ungebrannten Steinen. Diese Gebäude befinden sich oft in
Halbpacht und unterscheiden sich nicht von Ziegelsteinhäusern.

Einem "atterrato" mit interner Treppe fehlt zuweilen der Stall.
Dementsprechend befindet sich die Küche zusammen mit den
Speichern im Erdgeschoß, während die Zimmer im oberen Stockwerk
angeordnet sind. Beim größeren "atterrato" mit Außentreppe gibt
es hingegen einen Stall im Erdgeschoß. Die Küche und andere
Einrichtungen findet man im oberen Stockwerk.

Angelegt sind die Bauten an den Rändern von Städten und Dörfern
oder in der Nähe eines ausgedehnten landwirtschaftlichen
Besitzes, wo sie Vorstädte bilden. Hier wohnen Bauern, die von
der Landwirtschaft ausgestoßen, in Abhängigkeit von
Halbpächtern Arbeit suchen, kommunale Dienste leisten oder sich
arrangieren, so gut es geht. Gebäude, die sich derart häufen,
entsprechen einer Reihen- oder Einfamilienhaustypologie,
allgemein mit einer Fassade von 4-6 m, zwei Geschossen von
geringer Höhe und einem kleinen, quadratischen Grundriß. Sie
haben entweder eine eingebaute Holztreppe oder eine äußere
Backsteintreppe.

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Das "quartiere di Ficana"

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Eines dieser Vorstadtviertel, an der Peripherie von Macerata
gelegen und vollständig aus "atterrati" bestehend, ist Ficana
oder Borgo S. Croce, wie es heute heißt. Es besteht aus kleinen,
niedrigen Häusern, die als scheinbare Fortsetzung der
hypothetischen Höhenlinien am Abhang eines Hügels liegen. Die
städtebauliche Organisation ist klar definiert, charakterisiert
durch interne Straßen, Rampen und Erweiterungen, die an
wirkliche kleine Plätze erinnern.

Auf den ersten Blick weisen die Häuser von Ficana keine
besonderen Charakteristika auf; sie sind gereiht, generell
zweigeschossig, einige mit interner, andere mit äußerer Treppe
und einer überdachten Loggia. Alle Häuser bestehen gänzlich
oder teilweise aus Lehm, auch wenn wir gegenwärtig Innenwände
in Ziegelstein ausgeführt vorfinden. In Wirklichkeit handelt es
sich um einfache Verkleidungen, die sich aus Ziegelsteinen
zusammensetzen und später oft verputzt wurden, um die
tragenden, voll und ganz ungebrannten Mauern vor
Witterungseinflüssen zu schützen. Die Bauweise entspricht der
des Wellerbaus, wobei mit Stroh vermischter Lehm einfach
angehäuft und gestampft wurde.

Die Außentreppe und eine kleine Loggia wurden üblicherweise mit
gebrannten Ziegeln angefertigt. Nicht bekannt ist, ob
Ziegelsteine für die Fenster- und Türstürze verwendet wurden.
Die Bedachung ist mit einem normalen Gerüst aus Haupt- und
kleineren sekundären Trägern ausgeführt. Statt Flachziegeln
werden jedoch ziemlich dünne Bretter oder verflochtenes Schilf
verwendet, worauf eine Lage von 3-5 cm Lehm und Dachziegeln
angeordnet wird.

Bevor diese in Wellerbautechnik errichteten Gebäude entstanden,
wurden Bauten mit den Dimensionen von Häusern aus gebrannten
Steinen aus ungebrannten Ziegeln gebaut, also in
Abobe-Bauweise. Die Erbauung der Vorstadt geht auf die zweite
Hälfte des 19. Jhs. zurück. Von 1808 bis 1815 erscheint das
Gebiet auf den Katasterplänen zum Teil aufgeteilt, doch so gut
wie unbebaut. Der Boden verschiedener Parzellen ist als
landwirtschaftlich eingestuft, ein Ortsname besteht bereits. Um
1875 ist die Bebauung abgeschlossen. Aus Grundbüchern wissen
wir, daß sich der Stadtteil mit Ausnahme weniger Fälle gänzlich
aus Mietshäusern zusammensetzte. Die Geschichte von Ficana
verlief ruhig bis in unsere Tage, da eine neue Einwohnerschicht
die Struktur aufreißt, ohne sie ganz umkrempeln zu können.
Gegenwärtig beherbergt das Viertel Nicht-EU-Bürger, was ein
Zeugnis von Vitalität und zugleich von Ausgrenzung ist.

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Wege der Rekonstruktion eines Lehmbaudenkmals

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Häuser in Ficana, die teilweise verlassen sind, verfallen mit
der Zeit, worauf mit zeitgenössischen Materialien repariert
wird, da niemand mit Baulehm umzugehen versteht. Doch erwacht
gerade in jüngster Zeit ein besonderes Interesse an der
Lehmbauweise, ein v.a. kulturelles Interesse. Auch scheinen
Institutionen endlich die Besonderheit des Viertels zu
bemerken. Tatsächlich wird im neuesten Bebauungsplan von
Macerata die Eigentümlichkeit einer völlig aus Lehmhäusern
bestehenden Vorstadt zur Kenntnis genommen und für Ficana "die
wirkungsvolle Wiederherstellung von Gebäuden entsprechend den
Methoden und Techniken konservierender Restaurierung"
vorgeschrieben. Bei diesen Bauwerken sind demnach nur Eingriffe
für "eine konservierende Restaurierung und Sanierung zum Zweck
der Wiederherstellung der originalen - formalen wie
typologischen - Charakteristika, auch durch Beseitigung fremder
Elemente" erlaubt. Dies gilt ebenso für andere Lehmhäuser in
der Gemeinde Macerata, die geschichtlich-dokumentarischen Wert
haben.

Auch unterstützt die Gemeindeverwaltung von Macerata eine
Gruppe von Eigentümern, die restaurieren wollen. Um den Verfall
des Quartiers schnell zu stoppen, schloß die Kommune eine
Vereinbarung mit der Verpflichtung ab, notwendige Ausgaben zur
Entwicklung des Rekonstruktionsplans und zur Einleitung von
Restaurationsarbeiten mitzutragen. Im Gegenzug verpflichtet
sich der Eigentümer, die Arbeiten in zwei Jahren ab
Baubewilligung aufzunehmen. Gegenwärtig werden die
Vermessungsarbeiten vorgenommen.

Eine besondere Form der Rekonstruktion ist die kulturelle
Initiative "Die Schule adoptiert ein Denkmal". Dabei
beschäftigen sich Schüler der benachbarten Grundschule "Brüder
Cervi" mit dem Quartier. Ficana ist ein Studienobjekt für
Kinder geworden, die ihren Unterricht so zuweilen auf seinen
Straßen erhalten. Auf diese sehr konkrete Art wird dieses zu
lange vernachlässigte Stadtgebiet wiederbelebt. Und es
verbindet sich damit zugleich eine ausgezeichnete Möglichkeit,
die Aufmerksamkeit der Bewohner auf ihre Lehmhäuser zu
lenken.

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Anna Paola Comti

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