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Das Thema dieses Beitrages suggeriert die Möglichkeit, Lehm
exakt zu definieren. Doch weit gefehlt! Unbestritten ist
Lehm im Sprachgebrauch wie in der praktischen Verwendung
seit Jahrhunderten ein fester Begriff - also anscheinend
ein ausreichend bekanntes Material. Trotzdem entzog er
sich bisher erfolgreich der industriellen Normung. Warum?
Was ist eigentlich Lehm? So einfach seine
Erscheinungsformen aussehen, so vielschichtig und in
allen Einzelheiten kaum nachvollziehbar ist die
Entstehungsgeschichte der einzelnen Lehmarten. Aus dieser
Historie resultiert ein äußerst komplexes Material namens
Lehm.

Lehm ist eine Materie, die mit ihren Bestandteilen ein sehr
bewegtes Eigenleben führt, sich verändern, auf äußere
Einflüsse reagieren, sich sogar vermehren kann. Deshalb ist
es auch - gegen das Stirnrunzeln des Biologen - nicht völlig
abwegig, im Lehm eine Art molekularer Urlebensform zu sehen.
Unser Slogan bei Teraform Naturbaustoffe lautet
„Lehm (k)lebt", und damit sind die wichtigsten Eigenschaften
dieses altbewährten Materials in allgemeinster Form
beschrieben!

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Was ist Lehm?

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Es beginnt mit der Entstehungsgeschichte unseres Planeten.
Versetzen wir uns 3500 Millionen Jahre zurück, als die
Erde ein wüster, unwirklicher Ort war und das
Oberflächengestein gerade auszukühlen begann. Die
Atmosphäre bestand aus Dampf und giftigen Gasen. Mit den
ersten Wolkenbrüchen bildeten sich die ersten Meere.
Einfache Chemikalien wurden vom Wasser aus den Felsen
gewaschen oder gelangten mit Kometen und Meteoriten zur
Erde. Sedimentschichten entwickelten sich. Die ersten
Lebensformen, lediglich komplexe chemische Moleküle,
entwickelten sich, und die Evolution des Lebens begann.

Auf der Erde ist nichts starr und gleichbleibend; einzig
beständig ist der ewige Wandel. Über einen kaum vorstellbaren
langen Zeitraum entstanden immer neue Gesteinsmassen,
begleitet von Regenfällen, die sich in Flüsse und Meere
ergossen, tektonischen Bewegungen und Vulkanausbrüchen.
Hitze, Druck und Klimawechsel sorgten für unterschiedliche
Wachstumsbedingungen der Gesteinsformationen und
mineralischen Strukturen.

Lehm wird heute als Verwitterungsprodukt der Urgesteine
begriffen. Unterschiedliche Entstehungsbedingungen
erklären seine weltweit vielfältigen Daseinsformen.
In manchen Teilen der Erde liegt eine merkwürdige
Tonschicht direkt über dem Gestein der Kreidezeit,
entstanden vor etwa 100 Mio. Jahren. Sie enthält
Elemente, die auf der Erde äußerst selten vorkommen.
Viele Wissenschaftler sehen darin einen Beweis für eine
große Katastrophe. Sie vermuten, daß ein Meteorit
gigantischen Ausmaßes die Erde traf und sich diese
Tonschicht bildete. Zeitgleich starben die Dinosaurier
aus. Betrachtet man die jüngere Vergangenheit der
Erdgeschichte, etwa die letzten anderthalb Millionen
Jahre, so ist festzustellen, daß weite Gebiete Europas
mehrmals von dicken Eisschichten überdeckt waren. Sie
maßen oft tausende Meter, rissen Felsen mit sich und
höhlten die Landschaften aus. Zog sich das Eis zurück,
blieben steinige Reste als Hügel und Bergketten aus
Geröll und Lehm übrig. Diese Eiszeit endete vor kaum
zehntausend Jahren. Erst in der letzten Phase
entwickelte sich der denkende Mensch. Und obwohl wir
erst nach 3500 Mio. Jahren Evolution auf der Bildfläche
erschienen, halten wir uns für die Krone der Schöpfung,
ignorieren naturgegebene Spielregeln auf der Erde und
sind in jüngster Zeit offenbar bemüht, wichtige
Lebensgrundlagen unwiederbringlich zu zerstören.

Unbestritten ist, daß Lehm einen festen Platz in der
Erdgeschichte hat. Wer verstehen will, was Lehm ist,
kommt an einer mikroskopischen Betrachtung nicht vorbei.
Silikate, hauptsächlich von Kalium (K), Natrium (Na),
Kalzium (Ca), Magnesium (Mg), Aluminium (Al) und Eisen (Fe)
bilden die Hauptmasse der Gesteine und ihrer festen
Verwitterungsprodukte, also auch des Lehms. Alle Silikattypen
haben ein gemeinsames Strukturelement, die tetraedrisch
gebaute SiO4-Gruppe. Gesteine bestehen aus mehreren, bereits
mit bloßem Auge unterscheidbaren Mineralien. Die
Hauptbestandteile von Granit sind z.B. Feldspat, Quarz und
Glimmer. Um beispielsweise Kalifeldspat formelmäßig zu
erfassen, fanden die Chemiker

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K2A12Si6O16
= K2O · A12 O3 ·
6 SiO2
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Diese Formel gibt die kleinste vollständige Gruppierung für
Kalifeldspat an - ohne daß ein solches abgeschlossenes
Molekül existierte. Verwittert Feldspat, wird Wasser
aufgenommen, während lösliche Kaliumverbindungen
abgegeben werden. Als Rest bleiben die Tone,
beispielsweise Kaolinit, eine Formulierung für das
kleinste, in der Praxis allerdings nie vorkommende
Tonmolekül:

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Al2(OH)4Si2O5
= Al2O3 · 2 SiO2
· 2 H2O.
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Tone bilden mehrlagige Sandwichstrukturen, bestehend aus
übereinanderliegenden Silizium- und Aluminiumoxid-Netzen,
also jenen Stoffen, aus denen die Erde im wesentlichen
besteht. Diese Netze sind über gemeinsame Sauerstoffatome
fest verwebt und weisen nach außen eine negative
Oberflächenladung auf. Sie macht es möglich, Wasser zu
binden und unter Einfluß von positiv geladenen Gegenionen
den Zusammenhalt der Sandwichstruktur zu erreichen.
Dieser inneren Struktur entsprechend unterscheiden sich
die verschiedenen Tonminerale in ihrem Verhalten
gegenüber Wasser und Ionen. Ein typisches, allgemein
bekanntes Schichtsilikat ist Glimmer. Lehm ist also ein
kompliziertes Gemenge verschiedener Silikatminerale.

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Funktionen des Wasser im Lehm

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Tonminerale haben nur im Beisein von Wasser eine
Existenzberechtigung. Erscheint ein Ton auch noch so trocken,
so sind seine einzelnen Netzwerke dennoch von einer Hydrathülle
umgeben. Sie trägt dazu bei, daß die einzelnen
Sandwichstrukturen aneinander haften. Wir finden also in
Tonmineralen drei Arten von Wasser:

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1. |
Strukturwasser,
das bereits chemisch beschrieben wurde,
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2. |
Kohäsionswasser
als Wasserhülle der Sandwichstrukturen und
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3. |
Porenwasser
als frei bewegliche Flüssigkeit.
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Der Übergang von Kohäsions- zu Porenwasser ist im wörtlichen
Sinn fließend. Ist Wasser ausreichend vorhanden, wird fester
Ton plastischer, weil die Tonpartikel durch das Wasser in die
Lage versetzt werden, ähnlich wie beim Aquaplaning
übereinanderzugleiten. Die Fähigkeit von Tonmineralen, sich im
Trockenzustand zu verfestigen, macht sie im Lehm zum
Bindemittel für die restlichen Lehmbestandteile Schluff, Sand
und Kies, die nichts anderes darstellen als Quarz, Feldspat
und Glimmerbruchstücke.

Einen ersten makroskopischen Zugang zum Baustoff Lehm
vermittelt die sog. Siebkurve, auch Kornverteilungskurve
genannt. Die einheitlich angewendeten Fraktionen
bestimmen Gesteinspartikel verschiedener Größe.

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Kies 2 ... 60 mm
Sand 0,06 ... 2 mm
Schluff 0,002 ... 0,006 mm
Ton < 0,002 mm.
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Je nach Tonanteil unterscheiden wir allgemein fette und
magere Lehme.

Soll Lehm ein Baustoff werden, muß er der Bauaufgabe
entsprechend aufbereitet werden, was damit beginnt,
einen für die Verarbeitung optimalen Wassergehalt
einzustellen. Dabei ist die mechanische Bewegung der
Masse ein Muß für die Aktivierung der Tonpartikel. Sie
schafft die Voraussetzung für deren Neuordnung zu einer
plastischen Masse mit möglichst geringem Wasseranteil.
Die Plastizität ist nicht etwa notwendig, um kreative
Formen auszubilden, sondern eine Grundvoraussetzung für
soliden Lehmbau. Nur plastischer Lehm kann gröbere Körner
und Fasern gut umhüllen, deren Anteil wiederum über
Trockenschwundmaß und Festigkeitseigenschaften
mitentscheidet.

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Lehm als Baumaterial

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In welcher Form und für welchen Zweck der Urbaustoff Lehm
auch aufbereitet wird, es treten neben seinen Vorteilen
stets Nachteile auf. Als positiv gelten: Lehm ist
ausreichend verfügbar und wiederverwendbar, er hat ein
sehr gutes Wärmespeichervermögen, vorzügliche
hygroskopische Eigenschaften und damit
feuchtigkeitsregulierende Fähigkeiten, wirkt
geruchsbindend und gibt keine schädlichen Stoffe ab.
Als negative Eigenschaften des Baumaterials Lehm werden
üblicherweise aufgezählt: Trockenschwindung,
Wasserempfindlichkeit, relativ geringe Festigkeitswerte,
ungenügende Wärmedämmung. Der Mensch versucht, seitdem er
mit Lehm baut, den Lehm durch Zuschlagstoffe oder Zusätze
so zu modifizieren, daß seine negativen Eigenschaften
gemildert werden, was i.d.R. mit einer Reduzierung von
positiv bewerteten Eigenschaft erkauft werden muß.

Seit Jahrtausenden errichtet sich der Mensch Behausungen.
Während des größten Teils seiner Geschichte baute er, von
Vorschriften unbehindert, nach Regeln der Natur. Diese
Weisheit hat sich über Jahrmillionen entwickelt und
täglich neu bewährt. Als Menschen die ersten
geschlossenen Siedlungen errichteten, war Lehm einer der
ersten Baustoffe. Verschiedene Kulturen bauten ganze
Städte aus Lehm. Von ihnen sind heute nur noch
archäologische Zeugnisse erhalten, so z.B. das vor rund
zehntausend Jahren erbaute Jericho, die erste Stadt der
Geschichte, die wir heute kennen.

Aus jüngerer Zeit wären als „Lehmstädte" Lyon in
Frankreich, Santa Fé in New Mexiko, Moghuta in Kolumbien,
Marrakesch in Marokko und Sana in Nord-Jemen zu nennen.
Lehmdörfer gibt es bis heute in den Vereinigten Staaten
und zu Tausenden in ganz Europa, in den trockenen
Regionen Spaniens und Italiens ebenso wie in regenreichen
Gebieten wie England, Deutschland, Dänemark und Schweden.
Selbst der erste Wolkenkratzer der Menschheit bestand aus
Lehmerde: Der im 7. Jh. v. Chr. erbaute Turm von Babel
hatte sieben Stockwerke und erreichte eine Höhe von 90 m.
Die berühmte Chinesische Mauer, Anfang des 3. Jh. v. Chr.
in langen Abschnitten aus Lehmerde errichtet, zeugt, wie
viele andere Denkmäler, von der Festigkeit des
Baumaterials Lehm. Neben einfachen Behausungen armer
Leute wurden aus ihm Pyramiden, Moscheen oder Paläste als
Symbole politischer wie religiöser Macht und von
majestätischer Schönheit errichtet. Lehm war universelles
Baumaterial und keineswegs auf Verwendung in einzelnen
sozialen Schichten beschränkt.

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Lehmbauweisen

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Es werden heute ungefähr zwanzig traditionelle Lehmbaumethoden
unterschieden. Neben unterschiedlichen regionalen
Varianten kennen wir zwei Hauptverfahren; den
Stampflehmbau - pisé de terre - und den Lehmsteinbau -
Adobe.

„Pisé de terre" ist eine französische Wortschöpfung und
bedeutet gestampfte Erde. Der Stampflehmbau ist uralt und
für die europäische Moderne erstmals 1562 in Lyon belegt.
Bei dieser Bauweise werden Wände von etwa 50 cm Stärke
errichtet, wobei die Lehmerde zwischen zwei Schalbrettern
festgestampft wird. Der Lehmsteinbau verwendet Adobes, in
Formen gestrichene oder gepreßte und in der Sonne
getrocknete Lehmziegel. Aus ihnen werden Mauern und Wände
errichtet. Das Wort Adobe ist arabischen Ursprungs. Mit
ausgefeilterer Technik können die Steine - mit oder ohne
Verschalung - auch zu Gewölben oder Kuppeln geformt
werden. Für beide Bauweisen wird Lehmerde ihrer
Beschaffenheit und Körnung entsprechend ausgewählt bzw.
aufbereitet. Zur Herstellung von Adobes wird der Lehm mit
Wasser und Pflanzenfasern vermischt, meist mit
zerkleinerten Strohhalmen.

Bestimmte Maßnahmen schützen Lehmbauten vor den Folgen
der hohen Erosionsanfälligkeit des Lehms. Eine englische
Volksweisheit faßt sie in einem Satz zusammen: „Wenn ein
Lehmhaus über Jahrhunderte halten soll, muß es einen
guten Hut und feste Stiefel haben." Das bedeutet ein
vorkragendes Dach, um die Hauswände vor Regen zu schützen,
und ein steinernes Fundament, um Erosionsschäden an den
Grundmauern durch rinnendes Wasser oder aufsteigende
Feuchtigkeit vorzubeugen. Aber es gibt auch andere uralte
Verfahren. So wurden z.B. wasserabstoßende
Bitumenprodukte eingesetzt, um die Dauerhaftigkeit von
Lehmziegeln zu erhöhen.

Lehmbau hat Tradition, und so hat wohl jede Generation
ihre Lehmbaupioniere hervorgebracht. Erwähnt seien v.a.
die Arbeiten und Schriften des französischen Architekten
François Cointeraux aus Lyon. Er war es, der um 1800 in
en Vereinigten Staaten, in Italien, Dänemark, Deutschland
und Australien das Interesse für moderne
Lehmbauarchitektur weckte. Zur Zeit der französischen
Revolution 1789 erfand Cointeraux eine Technik,
ehmziegel mit einer mechanischen Presse zu produzieren.
Die sehr sorgfältig hergestellten und großformatig
gepreßten Ziegel nannte er „Kunststeine". Durch diese
Rationalisierung volkstümlicher Traditionen wollte er den
Bedürfnissen der neuen französischen Gesellschaft
entgegenkommen. Mit seinen Ziegeln schuf er Stadt- und
Landhäuser, die den Ansprüchen verschiedener sozialer
Schichten entsprachen, ebenso landwirtschaftliche
Nutzbauten und Industriebetriebe, die der
wirtschaftlichen Entwicklung des Landes dienten.

Nach seiner Auffassung „ist die kostbare Kunst der
Herstellung von Stampferde für eine aufgeklärte Nation
ein sicheres Mittel, Landwirtschaft, Handel und Industrie
florieren zu lassen." Dennoch mußte Cointeraux unablässig
gegen Unverständnis und die Vorurteile seinen
Zeitgenossen, v.a. von Politikern, kämpfen. Wie sich die
Zeiten doch gleichen! Dabei können wir noch heute auf der
Basis einer von König Asydis erbauten jahrtausendealten
Lehmpyramide in der Nähe Kairos lesen: „Verachte mich
nicht, wenn du mich mit den Steinpyramiden vergleichst,
ich stehe so hoch über ihnen, wie Jupiter über den
anderen Göttern, denn ich bin mit Ziegeln aus dem
Schlamm vom Grunde des Sees erbaut."

Seit eh und je bestehen also gegenüber dem Lehm dieselben
Vorurteile, und sie wurden stets mit der Behauptung
bekräftigt, Lehmbauwerke seien altmodisch, zu wenig
ausgearbeitet, ärmlich und wenig widerstandsfähig. Dabei
beweisen unvoreingenommene Analysen vorhandener Zeugnisse
der Lehmarchitektur häufig das Gegenteil.

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Die Aufgabe: Zeitgemäß bauen mit Lehm

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Lehmarchitektur ist also durchaus zuverlässig und dauerhaft.
Sie bietet beste Voraussetzungen für die Zukunft.
Dennoch verdrängte der wirtschaftliche und soziale
Fortschritt im Zuge der Industrialisierung die
Lehmbauweise zugunsten kostenaufwendiger moderner
Materialien. Sie entsprachen dem Bedürfnis, größten
Menschenmengen auf geringstem Raum Wohn- und
Arbeitsstätten zu errichten; sie ermöglichten den Bau von
Großstädten, Industriegebieten und der dazugehörigen
Verkehrsanlagen.

Seit einigen Jahren können wir eine von technologischen
Verbesserungen ausgehende Neubelebung bei der Verwendung
ungebrannter Lehmerde als Baumaterial beobachten. Schritt
für Schritt überwinden neue Pioniere des Lehmbaus überall
in der Welt altbekannte Widerstände wirtschaftlicher,
psychologischer, kultureller, institutioneller und
politischer Natur, die der Verwendung des Lehms als
Baustoff entgegenstanden und aus wirtschaftlichen Gründen
bewußt aufrechterhalten werden. Großindustrielle oder
multinationale Konzerne, die moderne Baumaterialien
produzieren, Institute, die sich für deren massenhafte
Verwendung einsetzen, sind bestrebt, ihren Markt vor
Konkurrenz zu schützen. Seit mehr als einem halben
Jahrhundert verwendet die orthodoxe zeitgenössische
Architektur vorrangig Beton, Stahlarmierungen und
Kunststoffe, obwohl der dabei anfallende Energiebedarf
und die Auswirkungen auf die Umwelt extrem hoch sind!

Viele Architekten suchen heute aber auch nach einer
wirkungsvollen Synthese von traditionellen und modernen
Techniken. Sie möchten einen neuen Weg einschlagen,
Methoden finden oder wiederbeleben, die unseren
Bedürfnissen besser entsprechen als das konventionelle
industrielle Bauen. Gesucht werden auch Baumaterialien
und -weisen, die leichter anwendbar sind, damit der
Mensch den Gegenstand beherrschen kann und nicht von ihm
beherrscht wird. Lehmbau ermöglicht beispielsweise
igeninitiativen, erlaubt ein direktes Eingreifen von
Personen oder Gemeinschaften. Lehmerde ist ein
natürliches Material, in zahlreichen Regionen der Welt
beliebig verfügbar. Oft sind weder Kauf noch teurer
Transport erforderlich oder kostspielige Aufwendungen für
industrielle Verarbeitung und - heute i.d.R. in die
Zukunft verschobene - problematische Entsorgung.

Die Verwendung von Lehm ist eine Garantie für die
Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts, bedeutet
Achtung vor der Umwelt und vor dem Leben. Bewohner von
Lehmbauwerken - ich gehöre dazu - schätzen das Gefühl von
Wärme, Behaglichkeit und Geborgenheit, das sie
ermöglichen. Noch sind diese Empfindungen
wissenschaftlich nicht leicht belegbar. Die sog.
modernen Baustoffe sind und bleiben für die einen
Sinnbild von Fortschritt, Reichtum und Wohlstand,
für andere ein gigantischer Feldversuch der Chemisierung.
Genauso ist Lehm den einen ein fast perfektes
Baumaterial, den anderen Ausdruck von Mangel und Armut.
Wir haben es mit festgefahrenen Denkweisen zu tun. Ein
Umdenken kann am ehesten angesichts überzeugender
Lehmbauwerke erfolgen, die mit guten Argumenten
präsentiert werden.

Die traditionelle Lehmarchitektur ist über 10.000 Jahre alt,
und noch heute lebt mehr als ein Drittel der Menschheit in
Häusern aus Lehm. Die Bauweisen und -methoden entsprechen den
klimatischen Bedingungen und haben sich den vorhandenen
Baumaterialien angepaßt. Heute werden sie in vielen Ländern
durch Anwendung neuer Techniken stetig verbessert.
Wiederbelebung der Lehmbauweise heißt zwar Rückkehr zur
Natur, das aber nicht in nostalgischer Verklärung, sondern
aus Einsicht in die Vorteile des guten Brauchs. Die Probleme
von heute lassen sich nicht mit Methoden von gestern lösen.
Mit modernen Untersuchungsmethoden, z.B. der Zusammensetzung
des Bodenmaterials, können heute die intuitiven Maßnahmen
erfahrener Bauleute wissenschaftlich verifiziert werden. So
ist vor allem eine Verbesserung der Wahl und Dosierung von
Zusätzen zum Lehm möglich geworden.

Rückkehr zur Vergangenheit ist keine Alternative zur Gegenwart.
Wir tun gut daran, den modernen Lehmbau als innovative
Weiterführung einer bewährten Tradition zu begreifen, statt
ihn als Relikt vergangener Zeiten abzuurteilen. Die
Herstellung natürlichen Lehmbaumaterials ist einfach, die
Umwelt wird nicht belastet, Energie nicht verschwendet, eine
Entsorgung fällt nicht an. Lehmerde ist ein erstklassiges,
ausgesprochen lebendiges Baumaterial, eine Erde mit
Zukunft.

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Ulrich Barthel

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