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Dieser Beitrag will zeigen, daß für den Baustoff Lehm bei den bekannten bauphysikalischen
Ansätzen zwar theoretische Lücken bestehen, die seine positiven
Eigenschaften nicht voll zur Geltung kommen lassen, daß es trotzdem gut
möglich ist, einfache und sichere Konstruktionen einzusetzen und das
rechnerisch nachzuweisen. Und es soll gezeigt werden, daß Lehm darüber
hinaus bei besonders problematischen Konstruktionen wie der
Wandinnendämmung sinnvoll eingesetzt werden kann.

Die folgenden Betrachtungen beschränken sich auf Wärmeleitung, Wärmestrahlung,
Wasserdampf- und Feuchtetransport von Außenwandkonstruktionen. Sie lassen sich
leicht für das Dach übertragen. Weitere Punkte wie Schallschutz und
Brandschutz werden hier nicht behandelt. Der vorliegende Text hält sich in an
die Begriffe der DIN 4108 und an S-I-Einheiten.

H. Grote zitiert in "Bauen mit Kopf" das Varietätsgesetz von W. Ross Ashby:
"Die Komplexität des Geschehens ist nur durch entsprechende geistige
Komplexität zu beherrschen." Die DIN-Normen listen unter "91.120.10
Wärmedämmung" drei engbedruckte Seiten über Normen, VDI-Richtlinien,
Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Länder usw. auf, die als
"Stand der Technik" das notwendige Planungswissen darstellen. Der
vorliegende Beitrag versucht, dem Leser einen Weg durch diese teilweise
aufgebläht wirkende Komplexität hin zu den physikalischen und
ingenieurmäßigen Abstraktionen von der Wirklichkeit zu zeigen.

In fast jeder Diskussion über die Vorteile des Lehmbaus fallen die Stichworte
Bauphysik und Speichermasse, ohne daß ihre Bedeutung belegt würde, und in
älteren Büchern über Lehmbau steht, daß Lehmhäuser 20-30 % weniger Energie
verbrauchen und die Wärme besser halten. Was für ein schöner,
anschaulicher Begriff. In Lehmbaukreisen heißt es dann oft, die gesamte
k-Wert-Diskussion sei ein fauler Zauber der Dämmstoffindustrie.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich der folgende Beitrag. Er versucht,
Antworten zu geben, ohne das alte überkommene Wissen der Bewohner
von Lehmhäusern als Aberglauben abzutun: "Im Sommer kühl, im Winter warm."

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Einige Stunden aus dem Leben einer Außenwand

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Betrachten wir in dem (auf Abb. 1) dargestellten Beispiel eine
Außenwand während eines Tages und stellen uns dies für ein ganzes Jahr vor,
dann sehen wir, daß sie vielfältigen Belastungen und Beanspruchungen
ausgesetzt ist, die täglich und jährlich periodisch wechseln. Innen wird
geheizt, es wird gelebt, es entsteht Wärme, Wasserdampf, Feuchtigkeit, von
außen regnet es auf die Wand, die Sonne scheint, es fällt Schatten auf sie
usw.

Wärmeleitung; Wärmestrahlung; Wasserdampf; Feuchtigkeit2 Transportweg:
Von wärmer zu kälter; Von der wärmeren Oberfläche zur kälteren; Vom höheren
Wasserdampfgehalt zum niedrigeren; Von feuchter zu trockener Nachweis: WSVO,
k-Werte, Energiekennzahlen; --; Tauwasserberechnung

Über vier Transportwege werden Wärmeleitung, Wärmestrahlung, Wasserdampf und
Feuchtigkeit ausgeglichen. Im Winter erfolgt die Transportrichtung des
Wasserdampfs von innen nach außen, wobei es unter Umständen an der
Wandoberfläche oder im Bauteil zur Kondensation, zum Ausfall von Wasser kommen
kann. Gleichzeitig entsteht dann ein Feuchtetransport, z.B. durch Regen von
außen nach innen, die beiden "Wassertransporte" überlagern sich. Ebenso
überlagern sich Wärmestrahlung und Wärmeleitung. Die Wärme wird im Winter von
innen nach außen transportiert, gleichzeitig scheint von außen die Sonne auf
die Wand, die Strahlung wärmt die Wand auf und überlagert sich der Bewegung
von innen nach außen. Alle Probleme sind zeitabhängig, es gibt tägliche bis
jährliche Schwankungen.

Die einzelnen Vorgänge sind offensichtlich miteinander verknüpft:
Wärmestrahlung führt zur Erwärmung von Luft und Bauteilen, wie aus dem
Alltagsleben bekannt. Die Aufgabe des Ingenieurs ist es, Modelle zu
entwickeln, die solche Vorgänge zahlenmäßig erfaßbar machen. Gut entwickelte
Modelle bestehen für Wärmeleitung und Wasserdampf; Feuchtetransport und
Wärmestrahlung sind wesentlich schwerer zu erfassen. Da sie bei
Naturbaustoffen im allgemeinen und bei Lehm ganz besonders eine größere Rolle
spielen, ist eine Diskrepanz zwischen dem Gerechneten und dem Beobachteten
unvermeidbar. (Abb. 2)

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Wärme

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Im Mittelpunkt aller Diskussionen steht heute das Energiesparen, der
Wärmeverlust des Gebäudes, vor allem über die Außenhaut. Die Notwendigkeit,
dies unter ganzheitlichen Gesichtspunkten zu betrachten - wie Lage des
Gebäudes, notwendige Anfahrt, Wohnfläche pro Bewohner, Haustechnik usw. -,
brauche ich hier nicht zu betonen. Jedoch möchte ich fragen, wer schon einmal
bei einem Entwurf, auch bei einem explizit ökologischen Entwurf, etwas über
das Verhältnis zwischen wärmeübertragender Hüllfläche und Nutzfläche, von dem
A/V-Verhältnis, erfahren hat.

Baut man statt drei Einfamilienhäusern dieselben als Reihenhäuser
nebeneinander, verkleinert sich allein die Fläche der Außenwände um ein
Drittel. Anders ausgedrückt: die Wärmeverluste über die Außenwände sind
gleich, ob man nun beim Einfamilienhaus mit dem "guten" k-Wert von 0,3 oder
beim Reihenhaus mit dem "schlechten" von 0,45 [W/m2K] baut. Neben
der größeren und teureren Außenwandfläche steigt auch der Aufwand für den um
50 % besseren k-Wert um mehr als 60 %.

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Wärmeleitfähigkeit

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Die Wärmeleitfähigkeit als entscheidende Stoffkennzahl für die Wärmeverluste
durch Wärmeleitung variiert entsprechend der gebräuchlichen Rohdichte beim
Lehmbau von 400 bis 2000 [kg/m3] um den Faktor 10. Daher scheint es auf den
ersten Blick naheliegend, Außenwände - wie in anderen Bauweisen - möglichst
leicht auszulegen. (Abb. 3)

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Lehmaußenwände

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Die vorgestellten Konstruktionen bewegen sich in den heutigen Vorstellungen
von Dämmung, also wie bei Außenwandkonstruktionen aus anderen Baumaterialien
bei k-Werten zwischen 0,2 bis 0,5 [W/m2K]. Die Entscheidung für die eine oder
andere hängt ab von
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dem statischen Gesamtkonzept: Lastabtragung über Lehm oder Holz;
Massivlehm-, Holzständer- oder Holzrahmenbau
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dem angestrebtem k-Wert: ein sehr niedriger k-Wert läßt sich nur durch
entsprechende Dämmstärke erzielen
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der angestrebten Einbauart: naß oder trocken und entsprechende Trockenzeiten
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der möglichen Selbsthilfe: hoher Anteil oder möglichst keine Selbsthilfe.
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Die folgende Grafik zeigt eine mögliche Systematik von Lehmaußenwandkonstruktionen
nach Lastabtragung und angestrebtem Dämmwert. (Abb. 4 )

Beispiele für die gezeigten Konstruktionen sind:3

Ort; Beschreibung; Ausführung; Anwendung
Kindergarten in Gandau bei Magdeburg; Tragende Leichtlehmsteine der Fa. Eider; Bauunternehmen; selten

Ort; Beschreibung; Ausführung; Anwendung

Kindergarten in Gandau bei Magdeburg; Tragende Leichtlehmsteine der Fa. Eider;
Bauunternehmen; selten
Siedlung Hjorthøj /Århus, Dänemark; Stampflehm mit Zellulosedämmung;
Selbsthilfe; selten
BV Linderhofstraße, Berlin-Mahlsdorf; Holzleichtlehm, feucht eingebaut;
Selbsthilfe; häufiger
Reihenhaus Hannover; Holzleichtlehm, feucht eingebaut, 5 cm Schilfrohr;
Selbsthilfe; häufiger
Siedlung Saarbrücken, Saarbrücken-Buus; Strohleichtlehm, feucht eingebaut,
(5 cm Schilfrohr) ; Selbsthilfe (ABM) ; häufiger
Projekt Franz Volhard, Darmstadt; Holzrahmenbau, außenliegende
Schilfrohrdämmung; --; Selten
Siedlung Landhof, Schöneiche; Holzständerbau, Lehminnenschale;
Lehmbaufirmen; Häufig

Um dies etwas allgemeiner darzustellen, wurde für homogene Lehmwände mit
gängigen Wanddicken die Abhängigkeit des k-Wertes von der Rohdichte berechnet
und dargestellt. Gehen wir von einer Lehmaußenwand, 2 cm Kalkputz, Lehm in
verschiedenen Rohdichten, 2 cm Lehminnenputz aus, so sehen wir: Will man einen
k-Wert von 0,5 einhalten, ist dies bei einer Wand mit der Gesamtdicke von 60
cm nur bei einer Rohdichte von 920 kg/m3 und geringer möglich. Diese Berechnung
wurde ebenfalls für gedämmte Wände durchgeführt. Dabei wurden Wände mit einer
5 cm dicken Schilfrohrdämmung untersucht, bei dickerer Dämmung wurde ein Aufbau
mit Zellulosedämmung gewählt. Bei einer Gesamtdicke der Wand von 50 cm kann
schon mit etwas schwererem Lehm gearbeitet werden.

Man sieht, daß bei stärkerer Dämmung der Einfluß des Lehms auf den k-Wert
abnimmt, d.h. es ist naheliegend, mit schwerem Lehm zu arbeiten. (Abb. 5)

Entsprechend der vorgestellten Systematik wurden über Lehm und über
Holzständer lastabtragende Konstruktionen verglichen. Doch lag das Augenmerk
nicht allein auf der Dämmung, sondern es wurden als weitere "Qualitäten"
Selbsthilfeeignung, Trocknung, Dicke, Kosten sowie die Auskühlzeit als Maßstab
für die Speicherfähigkeit der Wand angegeben. Dabei gilt eine Auskühlzeit von
82 Stunden - also die Zeit einer 36,5er Wand aus gebrannten Ziegeln - nach
Eichler als Komfortmaß. Höhere Werte deuten auf eine bessere Wärmespeicherung
hin.

In bezug auf Kosten und Speichervermögen zeigt sich, daß eine Holzständerwand
mit einer Ausfachung aus Holzleichtlehm und einer Außendämmung der häufig
favorisierten Wand mit einer Lehminnenschale überlegen ist, die Wärmedämmung
ist kaum geringer. Auch Konstruktionen, bei denen Lehm die Lasten abträgt,
sind eine Alternative und werden noch interessanter, wenn die Preise für
Stampflehm und Mauerwerk fallen. (Abb. 6)

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Innendämmung

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Es gibt trotz aller bauphysikalischen Bedenken viele gestalterische Anlässe,
eine Innendämmung zu erwägen: Sollen Fachwerk, Sichtmauerwerk oder
Feldsteinmauerwerk sichtbar bleiben, gibt es die nachfolgend dargestellten
vier Ausführungsvarianten, die näher untersucht werden: 1. eine einfache
Hintermauerung, 2. die etwas von der Wand abgerückte und mit Leichtlehm
hinterfüllte Hintermauerung, 3. eine homogene Hinterfüllung mit Leichtlehm vor
Ort in unterschiedlichen Graden der Vorfertigung und 4. eine Innendämmung mit
einer leichten Platte, beispielsweise aus HWL oder Schilf. Das ist allerdings
eine Variante, bei der es Tauwasserprobleme gibt (Abb. 7).

Abb. 8 zeigt, daß akzeptable k-Werte durchaus zu erreichen sind. Daneben
lassen sich Wanddicke und Kosten ablesen. Und es wird an der, allerdings nur
groben Kalkulation deutlich, daß mit unterschiedlichem finanziellen Aufwand
die gleiche Wirkung zu erzielen ist. Auch hier sind die Auskühlzeiten
angegeben.

Für diese Ausführungsvarianten wurde ebenfalls die herkömmliche
Tauwasserberechnung nach DIN 4108, Teil 3, durchgeführt. Dabei ist in der
Grafik der rechnerische Tauwasseranfall in der Verdunstungsperiode
aufgetragen. Das Tauwasser soll auf 1 kg oder ein Liter pro Quadratmeter
begrenzt werden und auf eine weitere Restriktion im Bereich der Holzständer.
Erklärlich sind Probleme bei HWL- und Schilfplatten, wenn man den
Temperaturverlauf über die Wanddicke betrachtet. Er sollte in einer solchen
empfindlichen Konstruktion keinen allzu starken Knick haben, sondern ähnlich
wie in einer homogenen Wand verlaufen. (Abb. 9)

Für die Innendämmung einer Fachwerkwand stehen somit eine Reihe von
Konstruktionen zur Verfügung. Es kommt also stets auf die jeweilige Ausführung
an. (Abb. 10)

Tabelle 1:
Bei der Berechnung nach DIN 4108 fällt bei den Konstruktionen Tauwasser an.
Kapillaren Wassertransport gewährleisten durch Entfernen alter dichter
Anstriche.
Vermeiden: dichte Anstriche auf der Rauminnenseite; Luftschichten und Sperren
in der Konstruktion; Sperren auf der Außenwand-Innenseite wie Fliesen,
Ölanstriche usw.; fugendichte Fenster
Möglichst: Heizung mit hohem Strahlungsanteil, die auf die Wandaußenseite
abstrahlt; das Tauwasser auf 0,5 kg/m2 begrenzen.
(Nach: Dr. Jörg Schulze, Rheinisches Amt für Denkmalpflege, in:
das bauzentrum - Denkmalpflege '90)

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Burkard Rüger

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Anmerkungen

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1 |
Alle Abbildungen
in der Veröffentlichung als Buch
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Die Auflistung
hat folgende Systematik: Wärmeleitung; Wärmestrahlung;
Wasserdampf; Feuchtigkeit.
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3 |
Die Auflistung hat folgende Systematik: Ort; Beschreibung; Ausführung;
Anwendung.

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