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Für die Veröffentlichung in Digitalmedien gekürzte Fassung des
Originalbeitrags in: KirchBauhof (Hg.): Modern bauen mit Lehm,
Berlin 1998 (ISBN 3-925961-30-5)

Dieser Beitrag widmet sich der wissenschaftlichen Erforschung von
Voraussetzungen für die Zulassung von Lehmbaustoffen und -bauteilen.
Im Rahmen der Lehm- und Leichtlehmbauforschung werden seriengefertigte
Leichtlehmplatten an den Fachgebieten Tragwerkslehre und Baukonstruktion
der Technischen Universität Berlin untersucht. Die Tragfähigkeit dieser Platten
in nichtbelasteten inneren Trennwänden steht dabei im Vordergrund.

Innere Trennwände stellen bezüglich statischer und konstruktiver
Anforderungen die einfachste Problemstellung für Bauteile aus Leichtlehm
dar. Aus diesem Grunde wurden sie als Ausgangspunkt der Leichtlehmforschung
gewählt. Ziel ist die Erarbeitung von Grundlagen für die Erweiterung der
DIN 4103 "Nichttragende innere Trennwände" um einen zusätzlichen Teil
"Trennwände aus Leichtlehm-Wandbauplatten". In DIN 4103 sind die
Einwirkungen für nichttragende innere Trennwände geregelt.

Die beeinflussenden Kräfte setzen sich zusammen aus: der Eigenlast
des Wandbaustoffs, einer vertikalen Installationslast von 0,4 kN/m,
die exzentrisch mit 0,3 m von der Wandoberfläche angreift, und einer
horizontalen Linienlast. Anzunehmen ist sie im Einbaubereich 1,
Bereiche mit geringer Menschenansammlung, zu 0,5 kN/m und im
Einbaubereich 2, Bereiche mit großer Menschenansammlung oder
Trennwände mit einem Höhenunterschied der Fußböden von über 1 m,
zu 1 kN/m.

Eine Rechnung, zunächst noch ohne Berücksichtigung von Lasterhöhungsfaktoren d
er Einwirkungen vorgenommen, liefert Anhaltswerte für die erforderliche
Mindestfestigkeit bei der Beanspruchung von Leichtlehm in einer
nichttragenden Innenwandkonstruktion. Annahmen, die dabei getroffen
werden, sind:
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quasi linear-elastischer Spannungs-Dehnungs-Verlauf des Werkstoffs |
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die Wirkungsweise zwischen den Platten und den Fugen ist homogen |
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Kopf- und Fußlagerung der Wand sind gelenkig |
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Theorie erster Ordnung ist zulässig |
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die Feuchte der Wand entspricht der Ausgleichsfeuchte in Innenräumen. |

Einem zukünftigen Bemessungsverfahren für den Lehm- und Leichtlehmbau
muß ein Sicherheitskonzept zugrundeliegen, in dem eine Sicherheit
festgelegt wird, die sich aus dem Abstand der Wahrscheinlichkeit des
Eintretens von Einwirkungen und der Wahrscheinlichkeit des Auftretens
von Widerstandsgrößen bei Lehmkonstruktionen oder Lehmbaustoffen ergibt.
Unter der Voraussetzung dieser Kenntnis läßt sich der Vergrößerungsfaktor
der äußeren Einwirkung und ein Verminderungsfaktor der Widerstandsgrößen
festlegen, aus denen die Mindestfestigkeiten von Lehm oder Leichtlehm
folgen.

Die in den durchgeführten Versuchen ermittelten Leichtlehmkennwerte
weisen bezüglich einer Beanspruchung nach DIN 4103 eine so hohe
Druck- und Biegezugfestigkeit auf, daß sie aller Voraussicht nach
einem Bemessungskonzept genügen würden. Jedoch gilt dies nur für den
Baustoff. Für Bauteil oder Konstruktion muß das noch bestätigt werden.

Einen Schwachpunkt bei der Momentenbeanspruchung von Leichtlehmplatten stellen
Lagerfugen dar. Die Biegetragfähigkeit der Lagerfuge ist deutlich
geringer als die Biegetragfähigkeit des homogenen Querschnitts. In
Versuchen wurde das Biegezugspannungs-Durchbiegungs-Diagramm einer
stranggepreßten Leichtlehmprobe ermittelt. Die Lagerfuge der Platte
wies dabei ein Nut-Federsystem auf, das mit Lehmmörtel verbunden wurde.

Die max. Verbundspannung zwischen Leichtlehmplatte und Lehmmörtel in der Lagerfuge
0,07 N/mm². Nach der Rißbildung treten Spannungsumlagerungen von der
Lagerfuge in die Feder des Leichtlehms auf. Bis zu einer auf den
ungerissenen Plattenquerschnitt bezogenen Bruchspannung von 0,25 N/mm²
kann die Last weiter gesteigert werden.

Die Verbundspannung zwischen Lehmmörtel und Leichtlehm entspricht
mit 0,06 N/mm², ungefähr 1/3 der Biegezugfestigkeit von Leichtlehm,
die mit 0,19 N/mm² ermittelt wurde. Die aus den Versuchen ermittelte
quasi linear-elastische Biegezugspannung in der Lagerfuge von
Leichtlehmplatten liegt mit 0,16 N/mm² unterhalb der aus Beispielrechnungen
ermittelten max. Biegezugspannungen. Somit können diese Platten nur mit
einer örtlichen Biegeverstärkung eingesetzt werden. Eine weitere
Möglichkeit, die Biegezugtragfähigkeit zu erhöhen, besteht darin, die
Geometrie des Nut-Federsystems von Leichtlehmplatten zu optimieren.

Hinsichtlich zukünftiger Untersuchungen sind folgende Punkte von
besonderem Interesse: Das Tragverhalten der Wand im Zusammenwirken
von Leichtlehmplatten und Lehmmörtel ist mit Hilfe von Großversuchen
an Lehmwänden im Maßstab 1:1 nachzuweisen. Eine niedrige Grundgesamtheit
der Versuche führt auf zu kleine Materialkennwerte. Da die
Werkstoffeigenschaften von Lehm stark streuen, sollte deshalb ein
Stichprobenumfang von mind. 20 gewählt werden.

Die Einwirkung von Feuchte auf das Tragverhalten von
Leichtlehmkonstruktionen ist von besonderer Bedeutung. Auch der
Einfluß der Feuchte auf die Wärmespeicherkapazität und die Wärmeleitzahl
ist nicht zu vernachlässigen. Deshalb erfordert die Verwendung von Lehm
für Wände in Küchen und Naßzellen besondere Beachtung. Zur Beurteilung
der Gesamtverformung und daraus resultierender baupraktischer Folgen
sind die Verformungsgrößen von Kriechen, Quellen und Schwinden hinreichend
zu klären. Versuche an Baustoffen, Bauteilen und gesamten Wänden sind
hierfür erforderlich.

Um den Lastabtrag aus Installationslasten nach DIN 4103 nachzuweisen,
sind auch die Befestigungsmittel und die Befestigungstechnik in
Abhängigkeit der Feuchte und des Kriechens zu untersuchen. Für Messungen
an Leichtlehmbauteilen sollten geeignete lehmspezifische Meßgeräte
entwickelt werden, die in situ oder im Labor für klein- und großformatige
Probekörper eine Anwendung erfahren können.


Adi Kammel

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