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Ergebnisse einer Bestandsaufnahme in der Provinz Chieti/Italien

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Eine Untersuchung des Lehmarchitekturbestands in den Abruzzen zeigte, daß
die Zerstörung von Lehmhäusern in den vergangenen 15 Jahre rascher als je
zuvor voranschritt. Folglich wird es immer dringlicher, das damit verbundene
Problem zu lösen. Dazu muß eine Auseinandersetzung über den geschichtlichen,
technischen und sozialen Wert dieses kulturellen Erbes stattfinden, und es ist
anzustreben, daß an der Verwendung des Lehms als Baumaterial festgehalten wird, denn
er ist durchaus geeignet, sich in das moderne Bauen einzufügen.

Das moderne Bauen muß die traditionelle Verwendung der Baustoffe wieder grundsätzlich berücksichtigen.
Wie eine ISTAT-Untersuchung aus dem Jahre 1934 zeigte, machten Lehmhäuser damals 20 % des Baubestandes
in den Abruzzen aus. Von insgesamt 10.000 Wohnhäusern waren in der Provinz Pescara 780 aus Lehm gebaut,
in der Provinz Teramo 755 und in der Provinz Chieti 683. Heute existieren davon nur noch
einzelne Gebäude auf dem Land oder in der Peripherie der Städte. Sie haben die Betonschwemme überlebt.

Im Zusammenhang mit der Landflucht der fünfziger und sechziger Jahre wurden viele Lehmhäuser verlassen
und ersetzt, so daß die gesamte Region einem schon damals bedenklichen
Wandel unterlag - mittlerweile hat er ein fast irreversibles Ausmaß
erreicht.

Historisch am bedeutsamsten für die Verbreitung von Lehmhäusern waren tiefgreifende Strukturveränderungen
in der Landwirtschaft und in der Aufteilung des Grundbesitzes in der Mitte
des letzten Jahrhunderts. Eine veränderte Landaufteilung und eine höhere
Sicherheit der Landbevölkerung führten zur Entstehung von Wohngebäuden
direkt auf dem bewirtschafteten Land, anstelle der bis dahin üblichen
kleinen Weiler fernab der Felder.

In einem ersten Schritt hin zur Anerkennung der Lehmhäuser als landschaftsbildende Bauten werden in
einer Bestandsaufnahme die in der Provinz Chieti erhalten gebliebenen Gebäude (Abb. 11)
für die Landschaftsplanung gezählt, erfaßt und katalogisiert. Diese Untersuchung hat folgende Ziele:

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1. |
Erfassung aller Lehmhäusern und ihrer Umgebung,
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2. |
Erstellung besonderer Vorschriften für die Restaurierung,
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3. |
Einleitung eines Programms für Wiederherstellung und Nutzung der Gebäude.
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Lehmbauernhäuser

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Erste Resultate der Untersuchung zeigen, daß es zwei verschiedene
Bauweisen gab: die vorherrschende Massone-Technik und die
weniger verbreitete Adobe-Bauweise, die allerdings in einigen
interessanten Formen vorkommt. Die Adobe-Technik wurde bereits ausführlich
beschrieben, deshalb konzentriere ich mich auf Massone-Bauweise. Hier wird mit Stroh
vermischter Lehm in Handarbeit zu brotförmigen Klumpen (pani) verarbeitet
und in regelmäßigen Schichten übereinandergelegt. Auf diese Weise
entstehen massive Wände mit einer Stärke von 56-80 cm. Auf eine Schalung
kann völlig verzichtet werden; die abschließende Oberflächenbehandlung
der Mauer durch Abstechen erfolgt mit einer Art Spaten oder mit einem
anderen speziellen Werkzeug in der Tradition des jeweiligen Ortes.

Lehmhäuser sind in den Gemeinden von Bucchianico, Casalincontrada, Chieti, Ripa
Teatina, Roccamontepiano und San Giovanni Teatino, Torino di Sangro und
Villamagna verbreitet. Die erwähnte Bestandsaufnahme dokumentiert 299 Gebäude.
95 % der gezählten Einheiten sind in Massone-Technik ausgeführt; 197 (66 %)
davon werden genutzt, und bewohnt sind sogar noch 45 Häuser (15 %).

Die Ergebnisse der Untersuchung werden ein neues Denken und den Abbau bestehender
Vorurteile über die kulturelle, soziale, bautechnische und baurechtliche
Bewertung der Lehmbauwerke ermöglichen. Diese Vorurteile können fatale
Konsequenzen für die Wiederherstellung oder den Neubau von Lehmgebäuden
haben. Es wurde deshalb eine spezielle Initiative ins Leben gerufen, die
Gemeinden mit Interesse an der Erhaltung von Lehmbauten über ein
Informationsnetz beraten kann und den Erfahrungsaustausch ermöglicht.

Das Wohnen in Lehmhäusern hat keinen speziellen Gebäudetyp hervorgebracht, vielmehr
beruht dieser auf einer historisch gewachsenen Bauweise (Abb. 2) mit zwei
dominierenden Ausprägungen:

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dem eingeschossigen Blocktyp, der im Laufe der Zeit durch angefügte Bauteile horizontal weiterwächst, und
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dem für die Backsteinbauten der Halbpächter typischen, sog. Italica-Typ. Hier
verbindet eine Außentreppe das ebenerdige rustico (Ställe, Lager, Werkstatt)
mit der darüberliegenden Wohnung (Abb. 3). Dieser Typ zeigt eine Verwandtschaft zu
Gebäudetypen der Stadt, wo die Notwendigkeit, Raum einzusparen, größer ist.
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Das ökologische Interesse an der Lehmbauweise

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Eine zusätzliche Motivation für die Rekonstruktion der historischen ländlichen
Lehmgebäude erwächst aus dem zunehmenden Interesse an einer Bioarchitektur und an
gesundes Wohnen; für beides spielen biologische und jahreszeitliche Zyklen eine
große Rolle. Dies erfüllen Lehmbauwerke in bemerkenswerter Weise.

Die Suche nach weiteren Beweggründen für die Unterstützung und speziell für das
Wiederaufgreifen der Lehmbauweise und für das ökologische Wohnen
ermöglichen eine Neubewertung der Bemühungen zur Erhaltung dieser Kultur.
Darüber hinaus fördert dies eine Neubestimmung des Werts dieses Baustoffs
für die Architektur und die Siedlungsgeschichte.

An dieses Bedürfnis knüpft eine neue Regionalgesetzgebung an, die Fördermittel
für die Restaurierung und Wertsteigerung von Lehmhäusern vorsieht. Für
eine über die einfache Sanierung dieser Baudenkmale hinausgehende
Perspektive ist daneben jedoch eine allgemeine ökologische Vision
unerläßlich.

Paradoxerweise muß dabei auf Lehm, hauptsächlich auf den Baustoff Lehm gesetzt
werden. Dies ist notwendig, um die normativen, hygienischen, technischen,
sozialen und wirtschaftlichen Aspekte im Zusammenhang mit der Anwendung
dieses Materials zu konkretisieren. Abgesehen von seinen ökologischen
Werten wird nur eine umfassende Berücksichtigung dieses Gesamtzusammenhangs
es ermöglichen, den Lehm aus seiner heutigen isolierten Randexistenz
herauszuführen.

Wirtschaftsgeschichtlich geht die Entstehung der Lehmbauernhäuser mit der
zeitgleich zur Erweiterung der Stadtkerne vollzogenen Transformation der
Vorstädte einher. So sind z.B. ursprünglich in einem städtischen Umfeld
errichtete Lehmhäuser heute Teil der erweiterten Stadt und deshalb nur
schwer in ihrem ursprünglichen Charakter erkennbar - etwa in Chieti
(Abb. 4) -, und nicht allein wegen des schlechten Zustands der Gebäude,
sondern hauptsächlich aus mangelnder Einsicht in die siedlungsgeschichtliche
Entwicklung.

Im Umfeld eines kleinen Dorfs, wo die Verbindung mit der bäuerlichen Tradition
bestehen blieb, behielt das Lehmhaus seine Identität. Dies verdankt sich
hauptsächlich der Übermittlung und der Kontinuität des Wissens durch die
Erbauer und Bewohner der Häuser. Hier behielt das einzelne Haus stärker
seinen ursprünglichen Bezug zu den Äckern. Das zeigt sich v.a. dort, wo
dieser Bezug nie durch ein so ungehemmtes Wachstum wie in den Vorstädten
zerstört wurde.

Wird die Ausdehnung der städtischen Peripherie anders als bisher interpretiert
und auch das Verhältnis zwischen Stadt und Land neu gesehen, kann das
Schicksal all dieser Gebäude gewendet werden.

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Gianfranco Conti
(aus dem Italienischen)

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Anmerkungen

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1 |
Alle Abbildungen in der Veröffentlichung als Buch

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