LEHMBAUWISSEN ERHALTEN UND VERBREITEN

Experimente in Casalincontrada/Italien


Viele Lehmbauwerke in der Provinz Chieti wurden von Landarbeitern v.a. zur Zeit der Agrarreform nach der Aufteilung des Großgrundbesitzes errichtet. In Casalincontrada gibt es mehr als 120 Lehmhäuser, die zu etwa 25 % noch bewohnt sind. Wie eine wissenschaftliche Untersuchung gezeigt hat, liegen sie meist innerhalb des Stadtgebiets.

Die städtischen Lehmhäuser unterscheiden sich in ihrer typologischen Struktur von denen der landwirtschaftlichen Tagelöhner in der nahegelegenen Region Marche. Stadthäuser zeigen einen größeren Reichtum und die klassische Typologie der casa italica, des italienischen Hauses. Auf Initiative der Gemeinde Casalincontrada, die sich seit Anfang der achtziger Jahre darum bemüht, das Interesse auf die regionalen Lehmbauwerke zu lenken, ist in der Region Abruzzen der geschichtliche und landschaftliche Wert dieser Architektur inzwischen anerkannt.


Kinder lernen von den Alten

Die Region genehmigte der Gemeinde Casalincontrada auch die Einrichtung eines Dokumentationszentrums für Lehmhäuser (Centro di Documentazione permanente sulle Case di Terra). Es ist in das italienische Regionalmuseumssystem integriert und wurde anläßlich der Tagung "Lehm - von der Wiederherstellung der bestehenden Gebäude zum Lehmneubau" am 21. September 1997 eingeweiht.

Bei dieser Gelegenheit wurde auch von einer Kindertagesstätte der Gemeinde Bucchianico berichtet, die ein Projekt zur Wiederentdeckung der Tradition und Anwendung des Lehmbaus durchgeführt hatte.1 Ziel war, den Kindern die Lehmbauwerke ihres Wohngebiets zu zeigen und ihr geschichtliches Bewußtsein zu wecken, denn seit den fünfziger Jahren werden in unserer Region keine Lehmhäuser mehr gebaut. Damit riskiert man, einen für unser Gebiet wichtigen Teil seiner lokalen Geschichte und die Art und Weise, wie mit Lehm gebaut wurde, für immer zu vergessen und zu verlieren.

Im Rahmen des Projekts bauten die drei- bis fünfjährigen Kinder des Kindergartens in Bucchianico auf ihrem Hof ein kleines Gebäude aus Lehm, statteten es aus und weihten es ein (Abb. 12). Von der Lehmbautechnik erfuhren die Kinder aus den Erzählungen eines Großvaters. Von ihm ging das Experiment aus, das die Unterstützung der Eltern fand. Auf diese Weise konnten die Kinder etwas von der Lebensweise ihrer Großeltern wiederentdecken.


Berufsausbildung auf der Lehmbaustelle

Ein anderes Experiment fand in Casalincontrada mit Schülern der Maurer-Fachklasse einer Berufsschule in Chieti statt. Es wurde auf der Baustelle eines örtlichen Bauunternehmers durchgeführt, wo dessen aus Lehm gebautes Geburtshaus renoviert wurde. An dem Experiment beteiligten sich neben den Maurerschülern Fachlehrer, Architekten und Maurer des Bauunternehmens. Auch hier wurden alte Leute aus dem Dorf zu Rate gezogen, die mit ihren Vätern ein Lehmhaus gebaut hatten.

Die Schüler lehnten das Experiment anfangs ab, weil sie nicht verstanden, weshalb man mit Lehm bauen soll, wenn doch die Technologie mit Beton und Eisen einfachere Methoden anbietet. Doch schließlich waren alle vom Lehm "angezogen" und entdeckten die besonderen Möglichkeiten und die Einfachheit, mit der dieses Material verarbeitet werden kann.

In Casalincontrada sollen diese ermutigenden Erfahrungen für weitere Initiativen ähnlicher Art genutzt werden. Man geht davon aus, daß es nur durch den Austausch von Informationen möglich ist, den Baustoff Lehm als für den Neubau geeignet wiederzuentdecken. Eines der Vorhaben auf dem Programm des Dokumentationszentrums für Lehmbauten ist ein "Fest des Lehms" in der ersten Septemberwoche 1998.


Marialuisa Abate

Anmerkungen

1 Scuola Materna di Tella, Direzione Didattica di Bucchianico, Projekt "Vivere la pace", Der Bau eines Lehmhauses in Tella unter der Leitung von Anna Marcantonio und Anna Maria Fragale.
2 Alle Abbildungen in der Veröffentlichung als Buch

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