RENOVIEREN EINES MASSONE-HAUSES

Restaurierung der "casa d'orazio"


Auf einem freien Feld in einer Landschaft, bezaubernd wie die Berge des Apennins, steht in Casalincontrada ein schönes altes Lehmhaus, "casa d'orazio" genannt, das dem Verfall preisgegeben war. Doch trafen dort glücklicherweise zwei Leidenschaften zusammen: unsere Begeisterung für Lehmhäuser und die des Eigentümers, der an der Rekonstruktion seines Geburtshauses interessiert war.

Besondere strukturelle Schwierigkeit bereitete das zweistöckige Gebäude mit zentraler Treppe nicht. Allerdings war das Haus seit Jahrzehnten unbewohnt; es diente lediglich als Lager für unterschiedliche Materialien. Ein äußerer Eingang auf der südlichen Seite war zugeschüttet (Abb. 21). Da sich der Boden an dieser Seite zum Haus hin neigt, verursachte dies einige Schäden. Nach der Absenkung des umliegenden Niveaus an dieser Stelle auf die ursprünglichen Gegebenheiten und zusätzliche Maßnahmen zur Ableitung des Regenwassers war dieses Problem zufriedenstellend gelöst.

Ein guter Hut und gute Stiefel, das ist, wie man weiß, die Hauptregel für den Bau eines Lehmhauses. Dieses Prinzip bestimmte unser Vorgehen. Da es sich um eine Restaurierung handelte, verwendeten wir die traditionellen Baumaterialien und -verfahren, in diesem Fall die Massone-Technik (s. den Beitrag "Das Lehmbauernhaus in der Stadt" von Gianfranco Conti im vorliegenden Buch).

Dieses Bauvorhaben war ein erster Schritt zur Aufwertung des Lehms als Baumaterial. Deshalb erschien es uns richtig, das Gebäude selbst als Verkörperung des alten Lehmbauwissens zu betrachten, den Bestand sozusagen "abzutasten", um daraus zeitgemäße Formen und Techniken für das gleiche Material zu entwickeln (Abb. 3). Unter diesem Blickwinkel ist auch die experimentelle Baustelle der Baufachschule von Chieti zu betrachten.

An der Basis des Gebäudes, wo schon Unterstützungen in Backstein bestanden, wurde eine Sockelmauer gebaut, um das Gebäude besser vor Unterspülung zu schützen. Die bestehende, aber teilweise eingefallene Nordfassade (Wetterseite) wurde mit Backsteinen neu verkleidet (Abb. 4), um sie vorsorglich gleichermaßen gegen atmosphärische Einflüsse und Schlagregen zu schützen.

Der Sorge um "trockene Stiefel" folgten Vorkehrungen für einen "guten Hut". Das Dach bestand aus in Längsrichtung des Hauses angeordneten Holzbalken, aus Lattungen und Dachziegeln. Wir schlugen dieselben Materialien und Bautechniken vor, setzten sie sogar dort wieder ein, wo in der Vergangenheit bei Instandsetzungsarbeiten Dachziegel durch eine andere Eindeckung ersetzt worden waren.

Die Bauarbeiten waren im Herbst 1998 noch nicht abgeschlossenen. Auszuführen blieb die Wiederherstellung des Innen- und Außenputzes und der Holzdecken. Die mit optimalen Resultaten angewandte Putzmischung besteht aus Lehm, Stroh, Sand und Marmormehl für den groben Grundputz und aus Kalkerde für den Oberputz.

Bald wird nicht nur das Haus in alter Schönheit erstrahlen. Ebenso anziehend ist der Ort, an dem es gebaut wurde. Wer in der Zukunft dieses Haus bewohnen wird, mag aus vielen Gründen eine glückliche Person sein. Vor allem aus Gründen, die unweigerlich mit einem Wort verbunden sind: Lehm.


Stefania Giardinelli
(aus dem Italienischen)


Anmerkungen

1 Alle Abbildungen in der Veröffentlichung als Buch

letzte Seite Inhalt nächster Beitrag  nächste Seite