GROßVATER GIUSTINO ERZÄHLT

Mündliche Überlieferung von Lehmbauerfahrung


"Zu meiner Zeit baute man Häuser nicht wie heutzutage mit Zement und Backsteinen. Damals bestanden die Häuser zumeist aus Lehm und Stroh. Sie wurden mit einem bestimmten System aufgebaut: Zuerst hackte man den Boden auf, schaufelte einen Haufen Lehm zusammen und vermischte ihn mit Stroh und Wasser. Die Mischung mußte mit Füßen getreten werden, um ein massone zu gewinnen. Es gab noch keine Mischmaschinen wie heute, wenn man baut.

Nachdem alles sehr gut mit den Füßen durchgeknetet war, nahm man den Lehm mit den Händen und formte die massoni (Lehmbrote). Manche Leute waren gezwungen, die Masse mit den Füßen selbst zu kneten, andere ließen sich die Lehmbrote vorbereiten und fertig zu ihrer Baustelle anliefern.

Die Mischung wurde in Kupfergefäßen geknetet, um das Anhaften der Masse zu vermeiden.

Das Haus wurde rasch aufgebaut, denn die massoni mußten frisch verwendet werden, sonst konnten sie nicht miteinander verkleben. Man drückte ein massone auf dem anderen fest, so klebten sie aneinander und die Wand wurde massiv. Waren 2 oder 3 m aufgeschichtet, mußte man das Material trocknen lassen, weil sonst alles durch das enorme Gewicht umgestürzt wäre.

In den Lehmhäusern, wie wir sie beispielsweise 1937 bauten, war es innen viel wärmer. Sie sind nicht wie Backsteinhäuser, in denen es kalt ist. Als mein Bruder und ich noch Buben waren, baute mein Onkel ein Lehmhaus, weil er eine Tischlerwerkstatt brauchte. Im Winter gingen wir immer in das Lehmhaus unseres Onkels, wo er als Tischler arbeitete. Dort war es zweimal wärmer als in unserer Küche.

Heute haben die Wohnungen doppelte Fenster aus Aluminium und Fliesen usw. Es ist nicht mehr, wie es früher war. In Casalincontrada gab es damals viele Lehmhäuser. Einige davon blieben erhalten. Wir mußten das Haus leider abreißen, weil der Grundbesitzer an dieser Stelle einen Stall errichten wollte. Aber es wäre schön gewesen, das Haus als Antiquität zu behalten. Es war so präzis gebaut, daß es nie umgestürzt wäre. Sogar bei schwerem Regen blieb es immer unversehrt. Das verarbeitete Stroh hielt es trocken, es war, als wäre nichts passiert."

Frage: Giustino, wenn wir das Haus hier aufbauen, wird es uns auf den Kopf fallen, wenn wir es betreten?

"Nein, nein, schaut euch die Lehmhäuser hier in Casalincontrada an! Sie sind auch nach so langer Zeit wunderschön geblieben. Nebenan sind neue Häuser gebaut worden, aber die Lehmhäuser sind noch da wie Antiquitäten.

Allerdings ist es heute nicht einfach, ein Lehmhaus richtig aufzubauen. Nur wer es in der Vergangenheit gesehen und gelernt hat, kann es heute weitermachen. Wer das nie zuvor erlebt hat, weiß nicht, wie man mit dem Lehm umgeht, wie man ihn kneten muß. Außerdem braucht man den richtigen Lehm. Was hier, in der Nähe der Schule, zu finden ist, ist gar nicht gut, weil es zuviel Sand enthält.

Es ist schön, solche Sachen machen zu können. Schade daß die Jugendlichen von heute das nicht mehr lernen wollen!

Heute vormittag habe ich diesen massone selbst gemacht. Er ist ganz klein. Wenn ich noch jung wäre, hätte ich ihn viel größer gemacht. Aber es ging schnell. Man braucht nicht viel Zeit für einen massone. Ich habe eine kleine Hacke genommen und die Masse geknetet. Der Lehm trocknete schnell. Das Stroh, das ich heute benutzte, war ziemlich fein. Es ist wichtig, das richtige Stroh zu nehmen, denn das Stroh absorbiert die Feuchtigkeit des Lehms. Wie ihr seht, geht es ziemlich schnell, wenn man ein Haus aufbauen will."

Frage: Warum war es so warm im Lehmhaus?

"Warm ist es, weil Lehm mit dem Stroh alle Feuchtigkeit aufnimmt. Wir haben auch den Kamin gebaut. Uns war warm. Der Ziegelstein nimmt Wasser auf und bleibt feucht. Er braucht viel Zeit, um zu trocknen.

In unserem Lehmhäuschen war kein richtiger Fußboden, also kein Belag, aber es war trotzdem angenehm und trocken. Normalerweise legte man ja in Wohnhäusern einen Backsteinboden. Doch im Lehmhaus meines Onkels war das nicht der Fall, weil er das Gebäude als Werkstatt nutzte. Obwohl wir damals keine festen Schuhe anhatten, war uns immer angenehm warm.

Das Dach des Hauses bestand aus einem mit Eisendraht verbundenen Rohrgeflecht. Darauf packte man eine Schicht von ungefähr 2 cm Lehm und Dachpfannen, die auf dem Lehm kleben.

Viele Sachen, die unsere Vorfahren machten, werden vergessen. Das betrifft nicht nur das Bauen, sondern zum Beispiel auch Körbe aus Weidenruten. Wenn ich Zeit habe, mache ich noch ein paar."

Frage: Wie baute man Kamine aus Lehm?

"Das war sehr einfach. In eine Ecke stellte man einen Träger, legte die Backsteine auf den Boden, dann noch einen Pflock. Zum Schluß setzte man die massoni, jedoch schmalere als die für den Hausbau benutzten. Auch die Größe des Kamins ließ sich wunschgemäß gestalten. Wird der massone gut gemacht, wird er so stark wie Zement und hart wie eine Steinmauer. Das Feuer kann also nicht gefährlich werden.

Die Wände eines Lehmhauses sind in der Regel 50-60 cm dick. Um unser 1937 erbautes Haus abzureißen, brauchte man einen Bagger, denn wenn die massoni aushärten, sind sie schwer mit dem Hammer einzuschlagen.

Auch der massone, den ich heute gemacht habe, ist bereits so trocken, daß er nicht verwendbar ist, weil er nicht mehr mit einem anderen abbindet. Das Stroh absorbiert das ganze Wasser und trocknet den Lehm.

Frage: Warum bauten einige Familien ihr Haus mit Lehm, andere mit Backsteinen?

Wer damals Eigentümer war und das nötige Geld hatte, konnte ein Haus mit Backsteinen bauen. Aber wer Halbpächter war, hatte von seiner Arbeit nur das Nötigste zum Leben. Zudem waren die Familien mit 8 bis 10 Kindern sehr groß, nicht wie heute, wo ein Familie ein bis zwei Kinder hat oder gar keins. Wer wenig besaß, nutzte die Lehmbauweise. Man konnte sich untereinander helfen und mußte nichts bezahlen, denn um ein Lehmhaus zu errichten, brauchte man weder Zement noch Eisen, lediglich Lehm. So waren Lehmhäuser die Bauten, die sich selbst arme Menschen leisten konnten.

Frage: Wo wohnten die Halbpächter, wenn sie noch kein Lehmhaus hatten?

Die Ärmsten wohnten im Strohschober, wo sie Strohballen stellten und einen zweiten Stock mit Rohrgeflecht errichteten. Unsere Nachbarn, eine Familie mit sieben Kindern, besaßen kein Haus und schliefen in einem Strohschober, der aus Stroh und Geflecht bestand. Auch in Lehmhäusern wohnte damals die ganze Familie in einem Zimmer, Mutter, Vater und 8 bis 10 Kinder. Heiratete einer der Söhne, baute man mit Lehm einfach ein weiteres Zimmer an. Lehmbau war ein Geschenk, das aus der Natur kam.


Stefania Giardinelli
(aus dem Italienischen)


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