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Lehm und Holz waren wie überall in der Welt auch in Dänemark jahrhundertelang die
vorherrschenden Baumaterialien. Bis etwa 1850 war Fachwerk die gebräuchlichste
Bautechnik. Die Fächer zwischen den Balken wurde mit einer Mischung aus Lehm und
Stroh oder mit ungebrannten Ziegeln ausgefacht. Nur Kirchen, Schlösser, Herrenhäuser,
prächtige Stadthäuser und ähnliche Gebäude wurden mit gebrannten Ziegeln gebaut.

Um 1800 litt Dänemark unter den Folgen einer ökologischen Krise, deren Ursache die Ausweitung
der landwirtschaftlichen Anbauflächen war. Die Vergrößerung des Ackerlandes war notwendig geworden,
um die wachsende Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, und führte zu einer starken Reduzierung
der Waldflächen. Um 1800 machten die Waldgebiete Dänemarks nur noch 3 % seiner Gesamtfläche aus. Heute
ist dieser Anteil etwa sechsmal größer.

Krisenbedingt wurde Bauholz eine Mangelware. Man baute die Fachwerkhäuser mit immer dünneren Balken,
so daß auch die Wände immer dünner wurden, oft unter 10 cm. Dies führte zu einem erhöhten Bedarf
an Holz für Heizzwecke und weiterer Intensivierung des Holzeinschlags. Es bestand deshalb großes
Interesse an einer holzsparenden Bauweise. Dem kam 1795 K.H. Seidelin mit seiner Broschüre
"Bauanleitung für bequeme und feuerfeste Häuser aus Lehm" entgegen. Seidelin war gerade aus
Deutschland zurückgekehrt, wo er zweifelsohne D. Gillys "Handbuch der Land-Bau-Kunst"
kennengelernt hatte, in dem unter anderem die französische Stampflehmbauweise (Pisé) erörtert wird.

Seidelins Broschüre fand in Dänemark große Aufmerksamkeit, speziell aber die von ihm vorgestellte Stampflehmtechnik.
Diese Bauweise wurde von dänischen Fachleuten, an ihrer Spitze Finanzminister Reventlow, begeistert aufgenommen.
Reventlows Ministerium förderte den Pisé-Bau und entsandte unter anderem studienhalber einen Beauftragten nach
Norddeutschland. Dort hatte in Meldorf der leitende Fehrwehrbeamte Boeckman ein Haus in Stampflehmbauweise
errichten lassen. Dieses Gebäude hatte übrigens der berühmte dänische Architekt C.F. Hansen entworfen,
damals Stadtarchitekt von Altona bei Hamburg.

Zwischen 1800 und 1860 entstanden in Dänemark insgesamt mindestens 4000 Lehmhäuser. Davon sind vielleicht 1000
erhalten geblieben. Seltsam ist jedoch, daß wir - unser Architekturbüro "Vindrosen" - nur ein Stampflehmhaus
ausfindig machen konnten. Alle übrigen Lehmbauwerke aus dieser Zeit sind Wellerbauten.

Mit Einführung der Eisenbahn und effizienterer Brennmethoden für Ziegel um 1860 kam die Benutzung von Lehm als Baumaterial in
Dänemark zum Erliegen. Aber im Zeitraum zwischen den zwei Weltkriegen und unmittelbar danach - also von 1920 bis 1950 -
lebte die Stampflehmbauweise in Dänemark noch einmal auf. Pioniere waren damals Risom, ein Architekt, und
Ewaldsen, ein Ingenieur. Nahezu 30 Häuser wurden gebaut, beträchtlich weniger als zum Beispiel in Deutschland.
Jedoch verschwand diese Baumethode wieder und fiel sogar total der Vergessenheit anheim. Erst mit dem aufkommenden
Interesse an ökologischen Bautechniken Mitte der achtziger Jahre geriet der Lehm als Baumaterial erneut in den Blick.

In den achtziger Jahren führte das Architekturbüro "Vindrosen" mit Unterstützung des dänischen Wohnungsbauministeriums einige
experimentelle Bauvorhaben aus. Das Jugendhaus-Projekt in Saltoftevænge im Westen der Insel Seeland zum Beispiel wurde
von Jugendlichen in Selbsthilfe als Stampflehmbau realisiert. Dieses Projekt hatte große Bedeutung für die Wiederentdeckung
der Lehmbauweise nicht nur in Dänemark, sondern auch in Schweden und Norwegen. 1990 gründete "Vindrosen" eine skandinavische
Vereinigung zur Förderung des Lehmbaus. Heute hat diese Organisation etwa 50 aktive Mitglieder.

Trotz großen Interesses ist der Gebrauch von Lehm im Baugewerbe Dänemarks aber nicht sehr verbreitet. Nur sehr wenige Lehmbauwerke
entstanden, und diese fast alle unter Eigenbeteiligung der späteren Nutzer. Zur Anwendung kamen Stampflehm und ungebrannte Lehmbausteine,
nur selten andere Techniken wie die Leichtlehmbauweise.

In Dänemark haben nur sehr wenige professionelle Bauunternehmen und Hersteller begonnen, mit Lehm zu arbeiten. Dies mag seltsam erscheinen,
ist doch allgemein bekannt, daß es überall auf der Welt - und besonders in Deutschland - Menschen gibt, die sich fachlich höchst qualifiziert
für den Lehmbau engagieren.

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Flemming Østergaard Nielsen
(aus dem Englischen)

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